Sonntag, 23. Dezember 2018

Lincoln im Bardo von George Saunders.


Originaltitel: Lincoln in the Bardo - Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert -Erschienen bei Luchterhand - 2018 - Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, wie sie origineller, faszinierender und grandioser nicht sein könnte.

Als ich für den Beitrag mit meinen Lieblingsbüchern 2018 durch die Leseliste stolperte, blieb ich immer wieder bei einem Buch hängen. Aber wenn man sich vornimmt, nur fünf Bücher zu zeigen, kann man nicht einfach ein sechstes Buch hinzunehmen. Selbst, wenn man selber die Regeln macht. Weil mich das nun aber doch etwas traurig gemacht hat, bekommt Platz 6 einen eigenen Beitrag mit voller Würde und Ehre.

Denn über "Lincoln im Bardo" von George Saunders habe ich an dieser Stelle noch nicht gesprochen. Beschämend. Lange bin ich auch vor der Lektüre zurückgeschreckt, denn eigenartig und eigenwillig ist der Stil auf jeden Fall. Man muss sich darauf einlassen. Doch wenn man das tut, erwartet einen ein großartiges Stück Literatur.

Samstag, 22. Dezember 2018

Meine 5 Leseperlen 2018

Jahresrückblicke gehen immer. Und während der unbuchige Jahresrückblick noch ein wenig dauert, weil das Jahr schließlich noch ein paar Tage hat, wage ich mich schon einmal festzulegen, welche fünf Bücher zu meinen Jahres-Highlights 2018 gehörten. Falls ich in den verbleibenden Tagen doch noch das großartigste Buch ever lesen werde, lasse ich es euch wissen.

Dabei war es doch eh nicht besonders einfach, sich auf nur fünf Bücher zu beschränken. Fünf ist aber so eine schöne Zahl für Listen und außerdem habe ich im vergangenen Jahr schon die Leseperlen 2017 bei Instagram gezeigt.

Prinzipiell war 2018 ein etwas durchwachsenes Lesejahr. Es gab ein paar Bücher, die ich abbrechen musste (Hallo, „One of Us is Lying“ …), die meisten Bücher bewegten sich im guten Mittelmaß und die Mehrheit der Highlights habe ich erst im 2. Halbjahr gelesen.

Welche Titel stechen nun aus dem Meer der Bücher heraus? Welche Bücher sind mir im Gedächtnis geblieben?


Sonntag, 9. Dezember 2018

Fotobreze - November 2018


// Dieses Mal von oben nach unten // Kaffeedate auf dem Fensterbrett // Kaffeedate im Gartensalon // Kaffeedate auf dem Vikualienmarkt // Übrigens trink ich daheim fast nie Kaffee! // Weihnachtsdeko zum Küssen // Blumen mit Postkisten im Hintergrund. Das ist mein Büro // Eine große Pflanzenparty auf dem heimischen Boden. Bald ist kein Platz mehr // Mit nem Stift aufs Fenster malen. Früher hat man dafür noch Ärger von den Eltern bekommen // Hiermit ist es offiziell: Ich bin der Lieblingsgast der Deutschen Bahn! // Berlin, ne. // Der Bayerische Buchpreis in der Allerheiligen-Hofkirche und danach .... // ... dann Essen und Trinken und Sehen und Gesehen werden in der Residenz // Falls ihr noch ein Buch in diesem Jahr lesen möchtet: Lest "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" von Meyerhoff! //

Der November, ey. Mit einem sehr großen, sehr wichtigen Arbeitsprojekt, welches sehr gut abgeschlossen wurde. Mit dem Bayerischen Buchpreis und der Lesung von Maxim Biller und einer Fahrt nach Berlin (langsam ist mal genug). Und vielen gelesenen Büchern, weswegen ich nun bei 80 gelesenen Büchern 2018 stehe. 

Der letzte gelesene Buch-Satz:
"Turtle knackt mit einem Knöchel, hebt den Blick zu Caroline und glaubt, eine verschwommene Erinnerung an sie zu haben."
aus "Mein Ein und Alles" von Gabriel Tallent, Seite 114.

Nächsten Monat und so:
Der Dezember ist ja bereits ein wenig älter, nachdem ich diesen Beitrag einfach vergessen habe. Verrückt. Aber wenigstens ist bald Weihnachten. Und damit einhergehend viele Weihnachtsmarkt-Besuche und Weihnachtsfeiern und Geschenkpapier und Weihnachtskarten und so. 

Sonntag, 2. Dezember 2018

Neu im Bücherregal - Die November-Bücher 2018.

Wie kann es plötzlich sein, dass wir schon den 02.12.2018 schreiben? Das ist doch ein Zaubertrick, ey. Ich bin noch nicht bereit für 2019, was hauptsächlich daran liegt, dass ich die Zahlenkombination "2019" nicht besonders schön finde. Die 9 stört. Passenderweise sind im November neun Bücher bei mir eingezogen, aber fürs ästhetische Empfinden sind nur acht der Bücher auf dem Bild zu sehen. Was hauptsächlich daran liegt, dass ich eines der Bücher bereits gelesen und weitergegeben habe. 

Es folgt nun also die vorletzte Neu-Bücher-Vorstellung für das Jahr 2018:


Warum ich keine Feministin bin von Jessa Crispin. Wenn Großbuchstaben mich mit provozierenden Aussagen anschreien, ist mein Interesse auf jeden Fall schon mal geweckt. Warum ist Jessa Crispin keine Feministin? Oder ist sie eine, wehrt sich aber gegen die Klischees, die mit dieser Bezeichnung einhergehen? Das werde ich herausfinden. Und vielleicht gibt es dann bald nach Level 1 und Level 2 einen weiteren Beitrag zu Feminismus.

Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green. Wie bei einigen anderen Bloggern erreichte mich vor Kurzem ein blaues Päckchen mit Bastel-Innenleben in Form eines Roboters, der nun mein Bücherregal bewachen darf. Hank Green (ja, der Bruder von John Green) erzählt in "Ein wirklich erstaunliches Ding" von eben jenen Robotern, die plötzlich überall auf der Welt auftauchen. Das Buch erscheint Ende Februar 2019 bei bold, dem neuen Imprint von dtv. 

Die Überwindung der Schwerkraft von Heinz Helle. Was habe ich mich gefreut, als ein neues Buch von Heinz Helle angekündigt wurde. Denn selbst nach 3 Jahren ist mir "Eigentlich müssten wir tanzen" noch immer ins Gedächtnis gebrannt geblieben. Jetzt also ein neues Buch. Wieder mit einer bedrückenden Ausgangslage. I like! Wenn das nicht nach einer Weihnachtslektüre schreit!

Naokos Lächeln von Haruki Murakami. Schon länger möchte ich Murakami lesen, nachdem Sarah von Pinkfisch immer so schön von ihm schwärmt. Und dann findet man plötzlich im Bücherschrank ein ungelesenes Exemplar von "Naokos Lächeln". Anscheinend ein Geschenk. Denn der Preis wurde überklebt und vorne steht "Für Chris zum 19* von Luzi". Chris, wenn du das hier liest: Danke für das Buch. Und Luzi, tut mir leid, Chris interessiert sich wohl nicht für Murakami. Ich aber schon! 

Cinder & Ella von Kelly Oram. Und weil es zwischendurch auch mal ein Jugendbuch sein darf, hab ich zu diesem Buch gegriffen, welches laut Klappentext ein "großer Selfpublisher-Erfolg aus den USA" ist. Anscheinend habe ich auch schon die ersten 10 Seiten gelesen, jedenfalls steckt an dieser Stelle mein Lesezeichen. Wann war das denn? 

Der Verrat von Ellen Sandberg. Das Buch wurde mir vom Verlag zugeschickt und als ich mit dem Päckchen unterm Arm bei meinen Nachbarn klingelte, um ein anderes Paket abzuholen, fragte der niedliche kleine Nachbarsjunge, ob das sein Päckchen wäre. Gemeinerweise habe ich es ihm nicht gegeben, wahrscheinlich passt das Buch auch noch nicht ganz in seine Altersklasse. Und auch, wenn auf dem Buch "Roman" steht, wittere ich doch Krimi-Thriller-Elemente. Trau ich mich überhaupt, das Buch zu lesen?

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani. Schon seit längerer Zeit ploppt dieses Buch immer mal wieder in meiner Filter-Bubble auf. Den letzten i-Punkt vor dem Kauf gab es dann, nachdem Mona bei Instagram von "Dann schlaf auch du" berichtet hat. Und wenn man eine Stunde später spontan in einer Buchhandlung steht, gibt es eben kein Halten mehr.

Pirouetten von Tillie Walden. Beim letzten beruflichen Berlin-Besuch habe ich dieses Buch bei Reprodukt bekommen, was mich insbesondere deshalb sehr gefreut hat, weil einige Tage später die Autorin zu einer Lesung in die Stadtbibliothek nach München kam. Leute, ey. Wenn ihr die Gelegenheit habt, geht da auch hin. Tillie Walden ist ein unfassbar sympathischer Mensch. Und ich ärgere mich gar sehr, dass ich das Buch zur Lesung nicht mitgenommen und deswegen nun keine Widmung habe. Außerdem ist "Pirouetten" sehr empfehlenswert – egal, ob man sich für Eiskunstlauf interessiert oder nicht. Es geht um so viel mehr als nur Schlittschuhe!

Nicht auf dem Bild, weil bereits wieder im ewigen Kreislauf der Bücherschränke:

Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire. Ich war ja sehr neugierig, wie es ein Liebesroman in das Verlagsprogramm von Diogenes geschafft hat. Zu Beginn konnte ich mich auch noch sehr gut auf die Geschichte einlassen. Ich wusste zwar nicht wirklich, was die Geschichte überhaupt will, aber das ist ja auch mal ok. Aber der Schluss. Der macht wirklich alles kaputt. Aus diesem Grund durfte das Buch auch nicht lange bei mir stehen und macht nun hoffentlich einem anderen Leser mehr Freude (vielleicht ja Chris. Oder Luzi.)

Sonntag, 18. November 2018

Nachlese: "Sechs Koffer" von Maxim Biller


Originalausgabe - Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch - 2018

Sonntagvormittag. Ich habe das Literaturhaus noch nie so hell gesehen, was hauptsächlich daran liegt, dass die meisten Veranstaltungen, die ich dort besuche, in den Abendstunden stattfinden. Dieses Mal nicht. Dieses Mal gibt es eine Matinée im Rahmen des derzeit laufenden Literaturfests. Zu Gast ist Maxim Biller, der seinen im August dieses Jahres erschienenen Roman "Sechs Koffer" vorstellt. Mit eben jenem Roman gelang Biller der Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 und "Sechs Koffer" gehört damit - laut Einführung des Literaturhauses - zu den sechs besten Büchern des Jahres. 

So viel Lob scheint Biller unangenehm zu sein. Erste Amtshandlung auf der Bühne: Pullover ausziehen, mit dem darunterliegenden Jeanshemd sieht man direkt jugendlich-frisch aus und passt sich damit ans überraschend junge Publikum im ausverkauften Literaturhaus an. Der erste Lacher, als Moderator Georg M. Oswald eine kurze Zusammenfassung von "Sechs Koffer" liefern möchte: "Was, noch eine Einführung?"

Aber worum geht es eigentlich in "Sechs Koffer"? Ist es eine biografische Erzählung über das große Geheimnis der Familie Biller? Sind es die kindlichen Erinnerungen eines Jungen ohne Heimat? Gibt es im Buch wirklich sechs Perspektiven oder nur die eine, die des namenlosen Ich-Erzählers? Was will "Sechs Koffer"? 

Wie schwierig die Beantwortung dieser Fragen ist, merkt man schon daran, dass es selbst für die Literaturkritiker schwierig ist, zwischen der Figur des Autors und der Figur des Erzählers in "Sechs Koffer" zu unterscheiden. Ja, da erzählt ein Junge von seiner Familie und dem Geheimnis rund um den Tod seines Großvaters, der angeblich von seinem eigenen Sohn verraten und so vom KGB zum Tode verurteilt wurde. Ja, diese Geschichte könnte auch die von Maxim Billers Familie sein, doch: "Das ist nicht meine Schwester. Das sind nur Buchstaben", sagt der Autor zur Frage, ob das Buch seiner Schwester Elena Lappin "In welcher Sprache träume ich?" ihn zum Schreiben von "Sechs Koffer" inspiriert hat. 

Inspiriert habe ihn viel mehr das Geld, denn das Buch entstand nur, weil er für das SZ-Magazin zwei Geschichten über seinen Vater und seine Mutter schreiben sollte. So jedenfalls Billers eigene Erklärung. Und er verstehe auch gar nicht, warum ausgerechnet dieses Buch, das er selbst nicht mag, es so leicht bei den Kritikern hatte. Kokettiert er hier mit dem Lob, dem Erfolg? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch echte Verwunderung, warum ein 198-Seiten schmales Büchlein so viel mehr Interesse bei den Leserinnen und Lesern erhält als sein vorheriges Buch "Biografie". "Vielleicht wollten die Deutschen damit etwas beim jüdischen Schriftsteller wiedergutmachen! Das ist ja immer ein Thema."

Zack. Da ist es. Das Thema. Sein Thema. Das Jüdisch-Sein. Erst vor ein paar Wochen habe ich "Desintegriert euch" von Max Czollek gelesen, eine Streitschrift gegen das deutsch-jüdische Gedächtnistheater. Dort schreibt Czollek auch über Biller:

"Da nämlich die Lebendigkeit der Juden ein Symbol für die Wiedergutwerdung der Deutschen ist, stellt schlicht alles, was sie tun, eine Befriedigung des deutschen Begehrens dar. Völlig unabhängig davon, was sie konkret machen. Angesichts dieser Ausweglosigkeit kann es für Juden und Jüdinnen eine besondere Freude sein, Widerspruch zu erregen. Das erklärt vielleicht die Lust, mit der Leute wie Maxim Biller, Henryk M. Broder oder Michel Friedman immer wieder die Auseinandersetzung suchten und suchen." (Seite 123)

"Sie sind doch so süß, warum müssen Sie immer so betonen, dass Sie Jude sind?", zitiert Biller eine Sekretärin der Münchner Journalistenschule in den 70er Jahren. 

Diese Reibung mit den öffentlichen Erwartungen ist es, was wohl den Reiz an Maxim Biller ausmacht. Als die Sprache auf sein Ausscheidung im Literarischen Quartett kommt, nickt das Publikum synchron mit bei der Feststellung des Moderators, dass doch er, Biller, einen großen Unterhaltungswert hatte. Und wie war das eigentlich, als das eigene Buch dann dort besprochen wurde?

"Volker war ein bisschen müde."

Über das Lob von Christine Westermann, der einstigen Gegenspielerin im Quartett, habe man sich aber gefreut, die Kritik der beiden anderen Damen wird hingegen kurz abgewunken.

Und dann, dann ist die Matinée schon fast wieder vorbei, Herr Biller muss zum Essen. Er liest noch einen Teil aus "Sechs Koffer" und scheint weiterhin verwirrt, was es ausgerechnet mit "Sechs Koffer" auf sich hat. 

Für mich liegt der Grund in der menschlichen Neugierde. Was ist wahr? Was ist Fiktion? Und wer hat nun den Großvater verraten?

„Weil ich keine Geheimnisse mag.“, sagt der Protagonist in "Sechs Koffer" auf die Frage, warum er so viel über seine Familie schreiben würde. Maxim Biller tut es ihm gleich, erzählt von eben jenen Geheimnissen. Ungekünstelt. Ohne Lösung.