Mittwoch, 10. Januar 2018

Neu im Bücherregal - Die Dezember-Bücher 2017

Mit dreizehn neuen Büchern im Regal kann man gut sagen, dass es sich um ein gutes Jahresende handelt. Denn auch, wenn die Bücher Platz wegnehmen und mich täglich mahnen, ihnen doch mehr Beachtung zu schenken, so liebe ich doch auch einfach die Aussicht auf mein Bücherregal. Voll bis zur Decke mit neuen Geschichten und Leben, die es zu entdecken gilt. Und da eignet sich diese zweite Januarwoche ganz hervorragend dafür, denn ich habe nun Urlaub. Fast 2 Wochen Urlaub. Verrückt. Und wunderschön. Es wird nun gelesen. Und vielleicht hat auch gleich eines dieser Schätzchen das Glück, zu den ersten Büchern 2018 zu gehören: 


Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl. Schon auf der Frankfurter Buchmesse hat mich dieses Buch von der Frankfurter Verlagsanstalt angesprochen. Als es dann vor einigen Tagen in meinem Briefkasten lag, mit einer Notiz der Autorin, ist mein Herz ein wenig in die Höhe gesprungen. Seitdem warte ich nur auf die Gelegenheit, endlich "Dunkelgrün fast schwarz" lesen zu können. Und ihr solltet das ab März dann auch gefälligst tun!

Gorsky von Vesna Goldsworthy. Ein russischer Oligarch, der mit einer Bibliothek die Frau seiner Träume beeindrucken möchte, angelehnt an "Der große Gatsby". Klingt doch wie ein Buch für mich. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, es in meinem Weihnachtswichtel-Paket zu finden.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green. Ich bin nun nicht der größte Green-Fan, ich fand "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" aber schon sehr nett, wohingegen "Margos Spuren" ganz nett war. Bei "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" habe ich bisher eher negative Meinungen gehört. Lesen möchte ich es trotzdem. Vielleicht überrascht es mich ja. 

Die Europäer von Henry James. Herr Gatsby macht gute Weihnachtsgeschenke. Denn Henry James, den mag ich sehr. Jedenfalls mochte ich Washington Square. Und seinen Blick auf das Leben im 19. Jahrhundert in den USA.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster von Kat Kaufmann. Ebenso ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Gatsby. Wunderschöner Titel, wunderschöne Autorin. Mal sehen, was das Buch dann kann.

Mischling von Affinity Konar. Noch ein Weihnachtsgeschenk von Herrn Gatsby. Janine von Frau Hemingway hatte letztens schon von diesem Buch berichtet. Und ich war mir lange unsicher, ob ich es auf Deutsch lesen mag, denn im Original wird der englische Text von deutschen Textpassagen durchbrochen und eigentlich ist das ein so wichtiger Bestandteil des Buches, der in der Übersetzung verloren geht. Mal sehen, wie es dann im deutschen Buch gelöst ist.

Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff. Hatte ich erzählt, dass ich letztens 10 Minuten vor Ladenschluss in einen Buchladen gestürmt bin, um mir dieses Buch zu kaufen und dann hab ich es doch nicht gemacht? Verrückt. Aber auch gut. Denn nun habe ich das Buch hier, weil ich beim Adventskalender des Verlags gewonnen habe. Endlich ist die Meyerhoffsche Reihe komplett. Sie müsste nur noch komplett von mir gelesen werden.

Du wolltest deine Sterne - Sylvia Plath und Ted Hughes von Diane Middlebrook. Ich wollte wirklich nichts auf dem Markt der unabhängigen Verlage kaufen. Wirklich! Eigentlich wollte ich nur den zum Buch passende Jutebeutel erwerben. Und dann sagte man mir, dass ich den Beutel geschenkt bekomme, wenn ich das Buch kaufe. Schwuppdiwupp – da war das Buch meins. Und ich freu mich auch heimlich sehr darüber. Überhaupt sollte ich wieder viel mehr von und über Sylvia Plath lesen.

Galveston von Nic Pizzolatto. Ein weiteres Buch aus meinem Weihnachtswichtel-Paket von LovelyBooks. Nic Pizzolatto ist Drehbuch-Autor bei "True Detective", ausnahmsweise eine Krimi-Serie, die ich aufgrund der sehr eigenen Optik mag. Mal sehen, ob sich das auch in Buchform umsetzen lässt. 

Denen man vergibt von Lawrence Osborne. Volker Weidermann fand den Roman großartig. Ich vertraue in dem Fall Herrn Weidermann. Schließlich hat er mich mit seiner Besprechung im Literarischen Quartett überhaupt erst auf das Buch gebracht. Und Herr Gatsby hat es mir nun zu Weihnachten geschenkt.

Bonjour Tristesse von Françoise Sagan. Ein Weihnachtsgeschenk von Josefina. Wie ich feststellen durfte, hat Sibylle Berg das Nachwort geschrieben. Allein dafür lohnt sich das Buch schon. Aber ich wollte "Bonjour Tristesse" schon lange lesen. Jetzt kann ich das einfach machen. Verrückt.

Die nackte Frau von Elena Stancanelli. Ich bilde mir ein, dass das Buch im Literarischen Quartett vorgestellt wurde. Google sagt aber Nein. Egal. Bei Oxfam stand das Buch nun herum, ich hab es eingepackt, fidelbumm. Eine Frau, die ihren Ex über sein Smartphone aus Eifersucht ausspioniert. Klingt vielversprechend. 

Der Weltensammler von Ilija Trojanow. Ein neues Buch für die schnitzelbooks. Trojanow erzählt von einer fiktiven Reise durch Indien, Arabien und Afrika. Mal sehen, ob das Buch in mir die Reiselust in diese Regionen weckt.

Montag, 1. Januar 2018

Bücherliste 2017


2017 habe ich 82 Bücher gelesen. Das macht 1,5 Bücher pro Woche. Oder 0,22 Bücher pro Tag. Im Gegensatz zu 2016 sind das 2 Bücher weniger. Und 18 Bücher weniger als ich mir vorgenommen habe. Denn die 100 gelesenen Bücher stehen weiterhin im Raum. 2018 dann ein neuer Anlauf.

Auf dem Bild befinden sich nur 42 der gelesenen Bücher (das musste ich zweimal zählen, weil ich sehr schlecht im Zählen bin), die anderen Bücher sind entweder nach dem Lesen direkt in den Bücherschrank oder in die Arbeit zurückgewandert. Oder sie stammten aus der Bibliothek, da gibt man die Bücher normalerweise auch wieder zurück. 

Die folgenden fünf Bücher haben mir in diesem Jahr besonders gut gefallen:
"Ein Baum wächst in Brooklyn", "Panikherz", "The hate u give", "Kukolka", "Ein wenig Leben"

Wer ansonsten Interesse an meiner Meinung zu den gelesenen Büchern hat, meldet sich. Möglicherweise kann ich mich noch an das Gelesene erinnern. 

Autor Titel
1. Hanya Yanagihara Ein wenig Leben
2. Kai Meyer Die Krone der Sterne
3. Chimamanda Ngozi Adichie  Americanah
4. Jay Asher  Dein Leuchten
5. Harriet Reuter Hapgood  Ein bisschen wie Unendlichkeit
6. Sylvia Plath Zungen aus Stein
7. Ruta Sepetys  Salt to the Sea
8. Catherine Egan  Schattendiebin
9. Eleanor Herman Schattenkrone
10. Anne Freytag  Den Mund voll ungesagter Dinge
11. Scott Bergstrom  Cruelty
12. Sophie Kinsella  My not so Perfect Life
13. Jean-Philippe Blondel  Die Liebeserklärung
14. George Orwell  1984
15. Margaret Atwood  Moralische Unordnung
16. Leif Randt Planet Magnon
17. Paul Auster Mond über Manhattan
18. Carlos Ruiz Zafón Das Labyrinth der Lichter
19. Jan Schomburg Das Licht und die Geräusche
20. Mariko Tamaki Ein Sommer am See
21. Mohamed Amjahid Unter Weißen
22. Fatma Aydemir  Ellbogen
23. Felix Lobrecht Sonne und Beton
24. Julia Wolf Walter Nowak bleibt liegen
25. Angie Thomas The Hate U Give
26. Margarete Stokowski Untenrum frei
27. Arne Bellstorf Baby's in Black
28. Heinz Strunk Jürgen
29. Margaret Atwood Der Report der Magd
30. Lana Lux  Kukolka
31. Mona Kasten Trust again
32. Mona Kasten Feel again
33. Jennifer Niven Stell dir vor, dass ich dich liebe
34. F. Scott Fitzgerald Für dich würde ich sterben
35. Felix Bonke Die Tochter der Patientin
36. Josh Malerman Bird Box
37. Joachim Meyerhofff Alle Toten fliegen hoch - Amerika
38. Laura McVeigh  Als Träume in den Himmel stiegen
39. Rebecca Solnit  Wenn Männer mir die Welt erklären
40. Martin Spieß  Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme
41. Benjamin von Stuckrad-Barre  Panikherz
42. Zadie Smith  Swing Time
43. Cecila Ahern So klingt dein Herz
44. José Eduardo Agualusa Eine allgemeine Theorie des Vergessens
45. Antonia Baum  Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, ich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren
46. Patricia Highsmith Die zwei Gesichter des Januars
47. Barry Jonsberg Das Blubbern von Glück
48. Armin Kratzert  Wir sind Kinder
49. Antonia Baum  Tony Soprano stirbt nicht
50. Tina Brömme  Wie programmiert man Liebe?
51. Lili Peloquin Sweet Lies
52. Stephanie Danler Sweetbitter
53. Elizabeth Enfield  Ivy und Abe
54. Greg Rucka  Wonder Woman - Das erste Jahr
55. Silvia Avallone  Ein Sommer aus Stahl
56. Anthony Powell  Eine Frage der Erziehung
57. Doron Rabinovici  Die Außerirdischen
58. Hazel Brugger Ich bin so hübsch
59. Naomi Alderman  The Power
60. Gustave Flaubert Madame Bovary
61. Édouard Louis  Das Ende von Eddy
62. Sasa Stanisic  Wie der Soldat das Grammofon repariert
63. Gerhard Falkner Romeo oder Julia
64. Craig Thompson Blankets
65. Christopher Isherwood  Lauter gute Absichten
66. Anika Landsteiner  Gehen, um zu bleiben
67. Volker Kutscher Der nasse Fisch
68. Catherine Meurisse Die Leichtigkeit
69. Peer Meter  Haarmann
70. Guy Delisle Geisel
71. Sarah Barczyk  Nenn mich Kai
72. Melina Royer  Verstecken gilt nicht
73. Julia Zange  Realitätsgewitter
74. Marjane Satrapi  Persepolis 1&2
75. Kati Rickenbach  Jetzt kommt später
76. Betty Smith Ein Baum wächst in Brooklyn
77. Manu Larcenet  Blast 1 – Masse
78. Manu Larcenet  Blast 2 – Die Apokalypse des Heiligen Jacky
79. Manu Larcenet  Blast 3 – Augen zu und durch
80. Manu Larcenet  Blast 4 – Hoffentlich irren sich die Buddhisten
81. Jodi Picoult  Kleine große Schritte
82. Sasha Marianna Salzmann Außer sich

Sonntag, 31. Dezember 2017

Jahresabschlusshauptversammlung 2017


Um den Beitrag zur traditionellen Jahresabschlusshauptversammlung mit den Worten von PUR zu beginnen: "Ein graues Haar! Wieder geht ein Jahr!". In dem Fall soll man sich das bitte so vorstellen, dass 2017 ein graues Haar bekommen hat und deswegen nun gehen muss. Tschüss 2017, also. Zuerst möchte ich aber an dieser Stelle nochmal jeden der 12 Monate einzeln vorstellen, bevor wir 2017 zur Tür rauskehren.

Januar, baby! Berlin, baby! Mit ATM ging es in die Hauptsadt mit Schnee, Matsch und Tannenbäumen auf der Straße. Im Februar erwachte meine Eukalyptus-Liebe, die immer noch anhält. Man trank Kaffee in der Sonne und in der Arbeit hatten wir eine Augmented Reality-Brille zu Gast, die für Heiterkeit und Höhenangst sorgte. Der März stand im Zeichen der Bücher (also eigentlich wie jeder Monat), es ging zum Bücherflohmarkt nach Gröbenzell und nach Leipzig zur Buchmesse. Im April trank ich mit meiner Internet-Liebe AZ Kaffee am Bahnhof und startete meine Fahrrad-Odyssee mit einem platten Reifen. Ins Ballett, zu einer #freedeniz-Veranstaltung und in den Botanischen Garten ging es im Mai. Den Geburtstags-Juni verbrachte ich zeitweise in Hamburg, weil Hamburg immer gut ist und gut tut. Weiter ging es im Juli nach Marokko und im August zur Lindbergh-Ausstellung. Der September überforderte mein Herz gar sehr, denn wir veranstalteten einen gar wunderbaren Livestream mit Frau Hölle und ich fuhr nach Köln, um bei einer Aufzeichnung von "Schulz und Böhmermann" mit dabei zu sein. Ganz großes Tennis! Im Buchmessen-Oktober drehte selbstverständlich wieder alles um Bücher, aber auch um Serien beim Seriencamp. Ein weiterer Ballettbesuch, ein Moderationsauftritt bei der Litlove und der Beginn des Münchner Literaturfests standen im November an. Traditionell wird der Dezember mit Essen ausgefüllt, um nach den letzten stressigen Monaten dem Magen etwas gutes zu tun. Oder so ähnlich.

Das also war in Kurzform das Jahr 2017. Es ist übrigens sehr schwer, für jeden Monat nur ein Foto auszuwählen. Ich hätte auch eine komplette ATM-Collage bauen können. Die behalte ich aber für mich. Ihr Herzensmädchen wisst auch so, dass ich euch besonderes gerne mag.

Überhaupt war 2017 voller unfassbar großartiger Menschen. Neue und alte. Ihr seid schon alle sehr prima. 

2016 habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass ich mehr bloggen möchte. Wenn ich die Anzahl der Blogbeiträge 2016 (58) mit denen 2017 (60) vergleiche, hat das wohl eher so semigut geklappt. Und das trotz des 10-jährigen Jubiläums

Dafür hat das mit den Reisen doch recht gut geklappt. New York steht zwar noch aus, aber Marokko fängt mit einem ähnlichen Buchstaben an und ich musste mir dafür auch einen Reisepass besorgen. Und wie bereits im letzten Jahr, kann ich an dieser Stelle schon wieder berichten, dass es im Januar nach Berlin geht. Vielleicht sollte ich daraus eine Tradition machen.

Was in diesem Jahr wieder nicht geklappt hat: Eigentlich wollte ich 100 Bücher lesen, weil ich die Zahl so schön finde. Es sind nun aber nur 82 geworden. Deswegen notiere ich mir das nun für 2018, dann klappt das bestimmt.

Insgesamt und überhaupt kann es also gerne so weitergehen. Läuft recht gut. Ich hoffe, bei euch auch. Irgendwie. Und wenn es euch 2017 bei der Nordbreze gefallen hat, schaltet morgen und in Zukunft wieder ein. Bis dahin wünsche ich alles Gute, Konfettiregen und Sprühsahne! 

Samstag, 23. Dezember 2017

Ein Baum wächst in Brooklyn von Betty Smith.


Originaltitel: A Tree Grows in Brooklyn - Aus dem  Englischen von Eike Schönfeld - Erschienen im Insel Verlag - 2017 

Mit elf sitzt Francie am liebsten im Blätterdach des großen Baumsk lutscht Prefferminzbonbons und verschlingt dabei ein Buch nach dem anderen. Um sie herum brummt das Leben in den Mietskasernen von Williamsburg des noch jungen Jahrhunderts, und in der Luft liegt die Verheißung auf ein besseres Dasein. Denn sosehr Francie auch das Hier und Jetzt zu genießen weiß – sie will mehr vom Leben. Sie ist wissbegierig und klug, und schon bald lässt sie ihre ärmliche Herkunft hinter sich, um endlich das zu werden, was sie aus tiefstem Herzen sein will: Schriftstellerin.

Dank einer glücklichen Fügung konnte ich nach Aylas Empfehlung wenige Wochen später "Ein Baum wächst in Brooklyn" als Mängelexemplar in meiner liebsten Buchhandlung käuflich erwerben. Und dann kribbelte es auch direkt in den Lesefingern, weswegen ich das Buch während meines Vor-Weihnachtsurlaub in eben jene Lesefinger genommen und es nicht mehr loslassen wollte.

Eines vorweg: In den letzten Monaten hat mich kein Buch so sehr begeistern können wie "Ein Baum wächst in Brooklyn". Ich wollte es unbedingt so schnell wie möglich beenden, um jedes Wort von Betty Smith zu inhalieren. Und ich wollte nicht, dass es endet.

Wir befinden uns Anfang des 20. Jahrhunderts in Brooklyn. Die Familie von Francie ist arm. Der Vater ein singender Kellner mit Alkoholproblem. Die Mutter putzt notgedrungen andere Häuser. Die Kinder suchen Schrott, um ihn beim Schrotthändler zu verkaufen. In all dem Elend versucht Francies Mutter eine bessere Zukunft für ihre Kinder aufzubauen. Dazu gehört zum Beispiel die wiederholte Lektüre der Bibel. Und der gesammelten Werke von Shakespeare. Bei Francie fruchten die Bemühungen, sie ist regelmäßig in der Bibliothek und möchte jeden Tag ein Buch lesen. Außer am Samstag. Da werden zwei Bücher gelesen!

"Endlich zu Hause, war nun die Zeit, auf die sie sich die ganze Woche schon gefreut hatte: Feuerleiterzeit. Sie legte einen kleinen Teppich auf den Treppenabsatz, holte das Kissen von ihrem Bett und lehnte es an die Stäbe. Zum Glück war Eis im Eisschrank. Sie hackte ein Stückchen davon ab und tat es in ein Glas Wasser. Die am Vormittag gekauften rosa-weißen Pfefferminzwaffeln wurden in einer kleinen Schale arrangiert, die zwar einen Sprung hatte, aber schön blau war. Glas, Schale und Buch reihte sie auf dem Fenstersims auf, dann stieg sie auf die Feuerleiter." (Seite 35)

Francie hatte schon 1912 ein Gefühl für Bookstagram! 

Betty Smith erzählt mit eindrucksvoller Genauigkeit vom Leben in Brooklyn und was Armut wirklich bedeutet. Alle Gedanken von Katie, Francies Mutter, kreisen um Geld. Wie kann sie das Essen bezahlen? Wie die Hebamme, als sie ihr zweites Kind zur Welt bekommt? Woher das Geld für den Umzug nehmen? Und was mich hier besonders beschäftigt hat: Wir reden hier winzigen Beträgen. Das Suppengemüse kostet 2 Cent. Francie und ihr Bruder Neeley arbeiten zeitweise in einer Bar und erhalten dafür jeweils 2 Dollar die Woche. 

Neben Geld ist das zweite zentrale Thema in "Ein Baum wächst in Brooklyn" Bildung. Katie ist der Meinung, dass Bildung allein der Schlüssel für ein besseres Leben ist. Ihre eigene Mutter konnte nicht lesen und hat alles daran gesetzt, dass ihre Kinder lesen lernen. Katie selbst kann lesen und setzt nun alles daran, dass ihre Kinder in der Schule gut abschneiden. Denn mit einem Highschool-Abschluss wäre es ihnen endlich möglich, Brooklyn hinter sich zu lassen, gutes Geld zu verdienen und ein besseres Leben zu leben. So jedenfalls der Plan. 

Betty Smith gelingt es mit ihren Schilderungen, ein Bewusstsein für das Leben in der damaligen Zeit zu schaffen, ohne einen Geschichtsvortrag daraus zu machen. Überhaupt hat die Autorin eine so fesselnde Art zu erzählen, obwohl eigentlich nichts erzählenswertes passiert. Wir begleiten Francie über viele Jahre, sehen ihr dabei zu, wie sie zur Schule geht, herausragende Aufsätze schreibt, Arbeit in Manhattan findet, sich verliebt. Und immer ist die Geschichte von Francie nicht nur die Geschichte eines heranwachsenden Mädchens, sondern die Geschichte eines ganzen Stadtteils, dem Geruch, der Atmosphäre, dem Licht von Brooklyn. 

Eine Milieustudie, die selbst nach so viele Jahren (das Buch erschien erstmals 1943) nicht gealtert ist und hoffentlich noch viele Leser findet. 

Sonntag, 10. Dezember 2017

Verstecken gilt nicht von Melina Royer.


Originalausgabe - Erschienen im Kailash Verlag - 2017 - Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

Unsicher, verängstigt und von Selbstzweifeln geplagt – Melina Royer empfindet sich lange als schüchternsten Menschen auf dem Planeten. Bis sie eines Tages beschließt, sich nicht länger von ihrem Problem blockieren zu lassen, und sich eine Gegenstrategie verordnet: Raus dem Schattendasein, rein ins Leben. Sie beginnt auf Menschen zuzugehen, gründet ihren eigenen Blog zum Thema Selbstvertrauen, kündigt ihren ungeliebten Job, spricht öffentlich über ihre Schüchternheit. Stück für Stück kämpft sie sich aus ihrem Kokon hervor. Melina Royers Erfahrung: Wir müssen es nicht hinnehmen, dass unsere Ängste uns beherrschen. Es nicht versucht zu haben, tut viel mehr weh als zu scheitern.

In der Monatsübersicht hatte ich bereits ein wenig meine Meinung zu "Verstecken gilt nicht" angedeutet. Mit etwas Abstand zur Lektüre hoffe ich nun, den Knoten in meinem Kopf zu lösen, um mehr über das Buch sagen zu können als: ¯\_(ツ)_/¯

Melina Royer erklärt in "Verstecken gilt nicht", wie sie es geschafft hat ihre Schüchternheit mit Selbstbewusstsein zu besiegen bzw. im Zaum zu halten. Anstatt sich als schüchterner Mensch immer zu verstecken, immer im Hintergrund zu bleiben, immer das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen, sollte man darüber nachdenken, wo die Ängste liegen, seine eigenen Gefühle zuordnen und zu Wort kommen lassen und sich so auf lange Sicht gegen die Schüchternheit stellen.

Die wirklich ansprechende Verpackung und der klare Aufbau von "Verstecken gilt nicht" bringen dem Buch einige Pluspunkte ein. Außerdem kommt die Autorin wahnsinnig sympathisch rüber, erzählt offen von ihren Schwächen, ihren Stolpersteinen auf dem Weg zu einem gesunden Selbstbewusstsein. Zudem führt sie mit "Vanilla Mind" einen Blog, dem man die Liebe zum Detail anmerkt. Einen Bruch zwischen Blog und Buch gibt es hier nicht. 

Nun. Meine Knackpunkte. Ich glaube, jeder, der dieses Buch liest, wird mit dem Kopf nicken und sagen "Ja, genau so ist es!". Merkt man auch daran, dass viele Kommentare zum Buch mit "Ihr werdet es nicht glauben, aber auch ich bin schüchtern!" starten. Heißt das nun, wir sind alle schüchtern? 

Ich glaube, Schüchternheit hat viele Facetten. Es gibt leichte Fälle ("Lieber Bahn-Mitfahrer, sprich mich nicht an!") und schwere Fälle ("Niemals halte ich diesen Vortrag!"). Schüchternheit ist situationsbedingt.

Um es nun auch auszusprechen: Ihr werdet es nicht glaube, aber auch ich bin schüchtern! Fremde Menschen machen mir meist Angst. Bei größeren Gruppen versteck ich mich gerne in einer Ecke. Bei Vorträgen spreche ich viel zu schnell, weil ich schnell wieder in meiner Ecke verschwinden will. 

Was für die Schüchternheit an sich gilt, gilt meiner Meinung nach auch für die Ratschläge. Sport und gesunde Ernährung helfen schüchternen Menschen aus ihrem Loch rauszukommen, weil sie ein positiveres Selbstbild entwickeln. Dieser Satz könnte wohl in jedem Ratgeber zu jedem Thema stehen. Das ist mir irgendwie zu einfach. Ich kann nicht wirklich beschreiben, was ich mir stattdessen gewünscht hätte. Sicherlich auch keine "100 Tipps, die garantiert wirken und super einfach sind!". 

Vielleicht liegt es auch an meinem inneren Schweinehund, der so gar keine Lust auf Sport, gesunde Ernährung und das Nachdenken über Gefühle hat. Einige Seiten habe jedenfalls mit Eselsohren markiert (ja!), um Melinas Methoden nochmal genauer zu studieren. Vielleicht hilft ein Morgenritual nicht unbedingt direkt dabei, meine Schüchternheit zu besiegen. Aber vielleicht hilft es, etwas Routine und Ruhe in meinen Alltag zu bekommen, was dann dazu führt, dass mein Selbstbild positiver wird und ich mich nicht in meiner schüchternen Ecke zusammenrolle.

Denn damit hat Melina auf jeden Fall Recht: Verstecken ist keine Lösung. Verstecken güldet nicht!