Montag, 21. Mai 2018

Die Entdeckung des Glücks von Isabell Prophet.


Originalausgabe - Erschienen Mosaik - 2017 - Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar

„Bist du glücklich mit deinem Job?“ Auf diese einfache Frage eine klare Antwort zu geben, fällt den meisten Menschen schwer. Gerade wenn es um den Beruf geht, schwanken wir oft zwischen Freude und Disziplin, Ehrgeiz und Überforderung. Doch glücklich sein kann man lernen – es hat uns nur noch niemand gezeigt, wie. Isabell Prophet analysiert und erklärt fundiert und unterhaltsam, welche Weichen wir stellen müssen, um glücklich in unserem Tun zu werden.

Darum mag ich Buchempfehlungen von anderen Menschen so gerne. Man stößt dadurch auf ganz neue Lektüren, die man ansonsten wohl nicht gefunden hätte. So ging es mir mit "Die Entdeckung des Glücks" von Isabell Prophet, welches dank Melina von Vanilla Mind meine Aufmerksamkeit erregt hat. 

Isabell Prophet widmet sich in "Die Entdeckung des Glücks" einem so einfachen und deswegen so schwierigen Thema: Glück in der Arbeit. Dazu muss man eines voranstellen: Durch Arbeit allein wird man nicht glücklich. Wer sein Seelenheil in der Arbeit sucht, sollte viel Ausdauer und eine Grubenlampe mitbringen, um fündig zu werden. Aber wenn man als Standard-Angesteller die meiste Zeit des Tages am Arbeitsplatz verbringt, sollte man sich vielleicht mal damit auseinandersetzen, ob und wie die Arbeit ins eigene Glückskonto einzahlt.

"Die Entdeckung des Glücks" ist dabei in drei Teile eingeteilt. "Wie wir unser Glück verhindern" widmet sich der Frage, was Glück überhaupt ist und warum unser Gehirn dazu neigt, Glück zu ignorieren. In "Wo wir unser Glück finden" versucht die Autorin Glückspunkte zu definieren, die auch und gerade für den Arbeitsplatz gelten. Im letzten Teil "Was wir für unser Glück tun können" geht es um Anregungen, die man direkt umsetzen kann, um sich etwas mehr Glück ins Arbeitsleben zu holen.

Sehr oft habe ich mich bei der Lektüre ertappt gefühlt. Ja, ich lese bereits nach dem Aufstehen im Bett die ersten Mails. Und ja, ich neige dazu, nach Feierabend eher nervige Dinge aus dem Arbeitstag zu erzählen, anstatt mich über die positiven Punkte zu freuen. Und wie? Multitasking ist gar nichts positives? Aber ich kann doch so gut mehrere Dinge gleichzeitig machen! Wirklich ...

Nein. Kann ich nicht. Auch, wenn ich es mir noch so oft einrede, ich kann nicht jemanden zuhören und gleichzeitig auf meinem Smartphone Tweets lesen. Und wenn ich Arbeitsmails schon vor dem Aufstehen lese, will mein Kopf schon während der S-Bahn-Fahrt alle Probleme lösen. All das führt nicht dazu, dass ich mich glücklicher fühle. Aber warum ist es so schwer, aus diesen Routinen auszubrechen?

Das versucht Isabell Prophet mithilfe von Studien und Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft und der Psychologie zu erklären und gibt dabei direkt Mini-Anleitungen, wie man Glück in den Arbeitsalltag einbauen kann. Dabei gibt sie selbst zu, dass wir uns viel zu oft viel zu viel Stress machen, um die vermeintliche Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung zu erreichen. Das hat wenig mit Glück zu tun. Und manchmal kann man auch noch so viel verändern, Pflanzen auf den Schreibtisch stellen und ein Glückstagebuch führen. Es hilft nicht. Manchmal ist eine Kündigung der richtige Weg zum Glück. 

Ich werde nun sicherlich nicht damit beginnen ein Glückstagebuch zu führen (gegen mehr Pflanzen am Schreibtisch hätte ich aber nichts!), aber vielleicht kann ich meine Morgenroutine ändern und nicht direkt meine Mails lesen. Und doch öfter kleine Pause einlegen, um mal Luft zu holen (Atmen, ey. Atmen ist so ein Thema, dass mich wirklich verfolgt. Sobald ich mich aufs Atmen konzentriere, vergesse ich, wie das überhaupt funktioniert). 

Arbeit allein macht nicht glücklich. Aber ich kann meine Arbeit so gestalten, dass sie zu meinem Glück beiträgt. 

Sonntag, 6. Mai 2018

Neu im Bücherregal - Die April-Bücher 2018

Wenn ich eine Reise tue, dann gehören Ausflüge in Buchhandlungen zum festen Programmbestandteil. Deswegen verbrachte ich in Berlin auch viel Zeit in verschiedenen Buchhandlungen (Hallo Dussmann, hallo Ocelot!) und ging dort selten mit leeren Händen hinaus. Dazu kamen noch Ausflüge in Münchner Buchhandlungen, ein Zeitvertreib-Buchkauf in Frankfurt und postalische Zusendungen. Und schwuppdiwupp ist man bei zwölf neuen Büchern im April. Eine großangelegte Aussortier-Aktion im heimischen Buchregal für mehr Platz sollte wohl für den Mai eingeplant werden. Wie ich  mehr Zeit ranschaffe, um die Bücher zu lesen, müsst ihr mir noch verraten. 


Frauen, die Blumen kaufen von Vanessa Montfort. Ein wenig hatte ich auf ein Buch wie "Die schönste Art, sein Herz zu verlieren" gehofft. Leichte Sommerunterhaltung, ohne seicht zu werden. Naja. Sagen wir mal so, vielleicht ist das Buch auch genau das, aber eben für eine andere Zielgruppe. Mit der Mid-Life-Crisis von 40-jährigen Frauen kann ich so gar nichts anfangen. Und dass eine der Protagonistinnen Marina heißt und nicht aufs Meer will, ist das i-Tüpfelchen ... 

Sturmhöhe von Emily Brontë. Damit nicht gleich ein Aufschrei durch die Menge geht: "Sturmhöhe" habe ich bereits gelesen, doch nur in der Anaconda-Ausgabe. Nun begab es sich aber, dass Herr Gatsby die fürs Auge und für den Kopf viel schönere Ausgabe von Hanser preisreduziert entdeckt und mir mitgebracht hat. Ein Segen, dieser Mann. 

Feminist Fight Club von Jessica Bennett. Ich hatte das dieses Buch bereits in der englischen Ausgabe auf meinen Wunschzettel gepackt und hatte bisher nicht mitbekommen, dass auch eine deutsche Ausgabe erscheint. Umso schöner, dass es Karla bei Instagram vorgestellt hat. Und noch viel schöner, dass ich es im Anschluss dort gewonnen habe. Danke dafür! ♥

Was zu dir gehört von Garth Greenwell. Instagram made me buy ist. In diesem Fall hat der literarische Nerd so großartig von diesem Buch gesprochen, dass ich nicht daran vorbeigehen konnte. 

Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann. Dieser Sternenhimmel auf dem Cover, eine Ölplattform mitten im Meer, Sturm, Freundschaft, Tod und Leid – klingt nach der perfekten Lektüre für mich. 

Super, und dir? von Kathrin Weßling. Hierzu hatte ich meine Lobeshymne bereits gesungen und ich bleibe dabei. Wann genau erscheint das nächste Buch von Kathrin Weßling? 

Die Mutter aller Fragen von Rebecca Solnit. Weil ich "Wenn Männer mir die Welt erklären" schon sehr fantastisch fand, durfte nun ein weiteres Buch von Rebecca Solnit in meinem Bücherregal Platz nehmen. Wer sich nun fragt, was die Mutter aller Fragen ist – genau das. "Warum haben Sie keine Kinder?"

Bibliodiversität von Susan Hawthorne. Der kleine Buchbranchen-Nerd hat wieder zugeschlagen. "Der Begriff Bibliodiversität bezeichnet die kulturelle Vielfalt innerhalb des Verlagswesens." In Zeiten, in denen Buchcover gefühlt alle gleich aussehen und sich die immer gleichen Bücher stapelweise in den Buchhandlungen finden, klingt das Thema doch sehr ansprechend. Und nachdem es das Buch beim Indiebookday in den Münchner Buchhandlungen nicht gab, hab ich es nun bei Ocelot in Berlin mitgenommen. 

Notes on 'Camp' von Susan Sontag. Von Susan Sontag habe ich bisher noch nicht gelesen, das sollte sich aber demnächst hoffentlich mal ändern. Irgendwann während der Lektüre habe ich dann auch verstanden, was "Camp" ist ...

The duke in his domain von Truman Capote. Ich finde diese Penguin Modern-Bändchen ja wirklich sehr nett, weil sie klein und handlich und schick und vielseitig sind. Deswegen durfte auch Capote und ... 

Fame von Andy Warhol. ... dieser Band mit. Es wird jetzt auch immer ein Band (also eigentlich nur noch Capote oder Warhol, die anderen habe ich bereits gelesen) in die Tasche gepackt, denn die Büchlein kann ich dann doch mal in der S-Bahn lesen. Hurra. 

Why I am not going to by a computer von Wendell Berry. Der aus der Zeit gefallene Titel hat mich hier gelockt. Das Büchlein wurde auch schon gelesen, aber ich kann nicht wirklich etwas dazu sagen, weil der Text und das Thema in meinen Augen so sehr veraltet sind, dass man nicht mehr wirklich darüber diskutieren kann. Trotzdem aber vom Prinzip recht interessant, weil es sich auch auf andere technische Neuerungen beziehen lässt.

Freitag, 4. Mai 2018

Super, und dir? von Kathrin Weßling.


Originalausgabe - Erschienen bei Ullstein fünf - 2018 - Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar

Marlene Beckmann ist 31 Jahre alt und lebt das Leben, das sie sich gewünscht hat. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie reflexartig: "Super, un dir?" Tatsächlich fühlt sich aber gar nichts super an. Doch sie wahrt den Schein. Bis sie ihren ersten richtigen Job antritt. Bis sie vor lauter Überstunden kein Privatleben mehr hat. Bis der Druck schließlich größer wird als sie ...

Die Bücher von Kathrin Weßling sind irgendwie wie Helium. Man freut sich davor diebisch, dass man gleich was verrücktes macht, dann inhaliert man sie viel zu schnell, lacht und weint und freut sich sehr und nach viel zu kurzer Zeit ist der Spaß dann auch wieder vorbei.

Schon bei der ersten Ankündigung zu "Super, und dir?" musste ich freudig die Hände in die Höhe werfen, gehört doch Kathrin Weßling zu meinen liebsten Internet-Menschen, so gerne sehe ich ihr bei Instagram beim Leben zu. 

Und nun also "Super, und dir?". Obwohl bereits Anfang April erschienen und obwohl bereits Buch-Blogger wie Mareike von Herzpotenzial positiv berichteten, habe ich es doch erst jetzt geschafft, das Buch zu lesen. Und wie schon zu vermuten war, war es ein viel zu kurzes Vergnügen. Nach knapp vier Stunden schlug ich das Buch zu und dachte nur: "Kann am Ende bitte alles super sein, geht das bitte? Nein? Ich will das aber. Sehr."

"Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil. Es reitet die Wellen, während der Sturm aufzieht, und es lächelt, es winkt den anderen zu, schon viel zu weit vom Strand entfernt, Wasser in den Lungen, Wasser im Kopf, und ruft: Alles in Ordnung, es geht mir sehr, sehr gut!" (Seite 20)

Marlene Beckmann ist also 31, Volontärin als Community Manager in einer angesagten Firma, die Zeugs verkauft, welches niemand braucht und doch ganz dringend benötigt. Sie arbeitet mit Influencern zusammen, versucht Kampagnen zu pitchen und wer noch mehr Buzzwords braucht, der findet sie auch. Marlene, das sind irgendwie wir. Marlene legt sich ins Zeug, Marlene will was schaffen, Marlene übersieht dabei, dass ihr Privatleben auf der Strecke bleibt und was nicht mithalten kann, das wird zurückgelassen oder schöngeredet oder im Drogenrausch versenkt. Marlene, das sind wir irgendwie natürlich nicht. Wir würden selbstverständlich vorher die Reißleine ziehen, die Alarmsirenen hören, auf uns achten.

Aber würden wir das?

Kathrin Weßling beschreibt in "Super, und dir?" sehr anschaulich, wie aus einem ganz normalen Leben mit ganz  normalen Vorstellungen und Wünschen ganz schnell ein Leben am Abgrund werden kann. Wie sehr man sich verstellen kann, wie wenig offensichtlich offensichtliche Probleme sein können. Wie schnell man den Kontakt zum Boden verliert, wie schnell man sich viel zu viel aufreibt für Job, Ansehen, Likes und vermeintliche Liebe. Und damit entsteht ein Sittenporträt einer Generation, von der man sich eigentlich am liebsten abgrenzen will. Aber wir gehören alle irgendwie dazu, wir spielen alle das Spiel mit und hoffen, dass es am Ende gut ausgeht. Am Ende soll bitte alles super sein, oder?

"Irgendwo im Atlantik schwimmt gerade eine Wal-Familie, und es ist ihr so was von scheißegal, wie traurig und erbärmlich dein Leben ist." (Seite 191)

Montag, 30. April 2018

Fotobreze - April 2018


// Hallo Heinrich Matters, ich mag dich schon sehr gern – insbesondere dein Frühstück // Was ist jetzt? - In Berlin! Endlich mal! // Schon schick auch in dunkel // Der Salbei und ich, wir sind jetzt sehr gute Freunde // Noch mehr von diesem Berlin. Das nächste Mal schaff ich es auch mal in den Reichstag // In Berlin muss man auch zu Dussmann wenn man Bücher mag // Wenn ich die Buchbranche nicht so gerne mögen würde, würde ich in die Politik wechseln, weil die so schöne Gebäude haben // A magazine for the get-up-and-go-generation! // Käse und Flieder, da lass dich nieder! // Immer noch schwer verliebt in Stuckrad-Barre // Haidhausen schmeckt großartig (Lavendel mit Brombeere) // An Pflanzen kann ich gerade sehr schwer vorbeigehen ... Der Stijlmarkt am vergangenen Wochenende war deswegen besonders gefährlich. Stattdessen erwarb ich aber ein Armband. Läuft //

Verrückt, ich war in Berlin! Und nicht krank! Obwohl es geregnet hat. Weswegen ich mich ungeplant im Symposium zu Imre Kertész wiederfand. Und hinter Iris Radisch saß (die mit einem Tintenfüller schreibt und deswegen schwarze Tintenflecken auf ihren Händen hat. Fand ich großartig). Genügend Zeit für viele Schritte durch Berlin, viele Buchkäufe in Berlin und überhaupt Berlin blieb trotzdem. In München schien dann einfach immer dann die Sonne, wenn es darauf ankam. Mit Salbei und Käse auf dem Balkon zu sitzen ist zum Beispiel sehr schick.

Der letzte gelesene Buch-Satz:
"Ich mag keine Männer, die immer Kuchen essen!", erklärte Gertrude und zupfte an dem Fliederbusch.
aus "Die Europäer" von Henry James, Seite 24.

Nächsten Monat und so:
Urlaub. Also jetzt gerade. Und viele Termine mit Literatur. Salvatorplatz 1! Helge Schneider! Hörgang! Frühlings-Mix! Außerdem ein Termin, auf dessen Ergebnis ich schon sehr gespannt bin. Bis dahin wird gelesen. Sehr viel hoffentlich. Muss mal wieder sein. 

Sonntag, 29. April 2018

Nachlese - Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen von Benjamin von Stuckrad-Barre.


Originalausgabe - Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch - 2018 - Vielen lieben Dank für das Rezensionsexemplar!

"Einen besseren Chronisten unserer Zeit gibt es nicht." - Die Zeit
Benjamin von Stuckrad-Barre über: Boris Becker, Jürgen Fliege, Ferdinand von Schirach, Madonna, Christian Ulmen, Sommer ohne iPad, Urlaubsfragen, Helmut Dietl, Thomas Bernhard, Phoshopphing, Rainald Goetz, Fussball-WM, Tattoos, Schweinegrippe, Jan Hofer, Thomas Demand, Jörg Fauser, Helge Malchow, Axel Springer, Berlinale, Harald Schmidts 2013, Walter Kempowski, Happy, Sunset Blvd.

Beginnen wir diesen Text direkt mit sehr viel Gefühlsduselei: Als ich gerade diesen Blogbeitrag angelegt habe, bildete sich plötzlich ein emotionaler Kloß in meinem Hals. Warum? Weil ich mich so wahnsinnig auf die Lesung von Benjamin von Stuckrad-Barre gefreut habe und jetzt ist sie vorbei. Diese Nachbesprechung ist fürs Erste der letzte (hihi) Baustein meiner Stuckrad-Barre-Obsession – bis dann ein neuer Text, ein neues Buch erscheint. 

2017 war "Panikherz" eines meiner am liebsten gelesenen Bücher. Keine Frage also, dass ich mich schon sehr auf "Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen" gefreut habe. Allein der Titel verdient eine Runde Applaus. Remix 3 also. Die beiden Vorgänger kenne ich nicht, bieten aber einen guten Anlass, den Stuckrad-Barre'schen Lesekonsum zu verlängern. 

"Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen" ist eine Textsammlung aus verschiedenen bereits erschienenen Artikeln, die alle um denselben Themenkomplex kreisen: (gescheiterte) Helden. Wie bereits in "Panikherz" lernen wir viel über die Menschen, die Benjamin von Stuckrad-Barre auf die eine oder andere Art verehrt, faszinierend findet. So gucken wir gemeinsam mit Boris Becker das Wimbledon-Finale, schreiben ein Drehbuch mit Hemlut Dietl, trinken in einer kurzen Pause mit Jan Hofer Kaffee und blicken mit Harald Schmidt auf das Jahr 2013 zurück. 

Dem Zeit-Zitat kann ich nur zustimmen. Benjamin von Stuckrad-Barre hat die Gabe, ganz genau hinzusehen, ganz genau zu erfassen, was eine Person umtreibt, ohne die Person dabei bloßzustellen. In jedem Text spürt man Stuckrad-Barres Liebe, Verehrung, Faszination für die porträtierte Person, selbst wenn es sich dabei um Jürgen Fliege handelt, der leichtgläubigen Menschen gesegnetes Wasser verkaufen will. 

Zwei Texte stechen für mich besonders heraus.

In "Eine Redaktionskonferenz zu Thomas Bernhards Geburtstag" schildert Stuckrad-Barre eine eben solche Redaktionskonferenz auf so grandiose Weise, dass man sich das als Kurzfilm wünscht. Oder lieber nicht. Meine Kopfversion ist eh viel besser. 

Und in "Der Verleger" wird eigentlich nur das Büro von Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow beschrieben und doch steckt so viel mehr zwischen den Zeilen, sodass ich als Buchbranchen-Mensch nur innerlich jubilieren kann. 

"Ich glaub, mir geht's nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen" ist eine wahre Goldgrube für alle, die sich an großartigen Porträts erfreuen können.


Dementsprechend groß war meine Freude auf die "Lesung" mit Stuckrad-Barre in München. Lesung muss hier in Anführungszeichen gesetzt werden, denn das, was Stuckrad-Barre dort oben auf der Bühne abliefert, ist keine Wasserglas-Lesung (ins Wasserglas kommen eh nur die Zigarettenstummel), sondern eine Pop-Performance mit Licht und Musik (Passenderweise hat Janine von Frau Hemingway dazu gerade einen Beitrag geschrieben, dem ich nur kräftig zustimmen kann). Da wird abgeschweift, erzählt, geraucht, plötzlich liest Joko Winterscheidt gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre "Madonna live in L.A." in einer neuen Version, in der Bettina Böttinger die Hauptrolle spielt, die Gucci-Gang macht ein Bühnenfoto und selbstverständlich gibt es zum Ende der "Lesung" Stage Diving zu "Angels" von Robbie Williams. Hallo Literaturhaus, das hätte ich gerne bei der nächsten Lesung mit Carlos Ruiz Zafón auch!

Das ist alles so wirr, so emotional, so übertrieben, so fantastisch – genauso wie Benjamin von Stuckrad-Barre selbst. 

Vollgepumpt mit Glücksgefühlen stehe ich am Ende des Abends in der Signierschlange und erfreue mich besonders daran, dass ich wie bereits bei Saša Stanišić die im Buch genannte "Brezel" von Benjamin von Stuckrad-Barre korrigiert bekomme. Eine Nordbreze muss tun, was eine Nordbreze tun muss. 

"Beim Lesen dieser Geschichten hatte man Glückserlebnisse wie sonst nur bei der Lektüre von Fitzgerald oder Capote, da sitzt jedes Wort, da ist alles an seinem Platz, Poesie durch Reduktion [...]" (Seite 47)

Auch wenn Benjamin von Stuckrad-Barre hier über Ferdinand von Schirach spricht, so passt es doch ebenso gut zu seinem Buch. Texte voller Glückserlebnisse, Lesungen voller Erinnerungen. Ein Fest für Herz und Verstand.