Sonntag, 1. März 2026

Lesezeit im Februar 2026

Ist das da draußen etwa dieser Frühling, von dem die Legende besagt, er würde uns mehr Sonnenstunden und damit gute Laune schenken? Ich bin wohl eine sehr einfach gestrickte Zimmerpflanze, denn als am Freitag plötzlich die Sonne rauskam und ich streikbedingt die Hälfte meines Arbeitsweg zu Fuß begehen musste, wurde daraus ein ganz wunderbarer Spaziergang durch den Olympiapark mit der »Main Character«-Playlist auf den Ohren und das sorgte für wirklich sehr viel gute Laune. Props gehen raus an den glühend heißen Himmelskörper! Was war sonst so los im häufig grauen Februar? In Augsburg wurden Bücher getauscht, in Gröbenzell wurde gebücherflohmarkt, ich war zum allerersten Mal bei Häppchen & Sekt und kann das nur empfehlen (bei Youtube gibt es die ganze Show oder ihr guckt euch erst einmal nur einen kleinen Ausschnitt an), ich war bei Lesungen und im Kino und im Theater und irgendwo dazwischen wurde auch gelesen. Wobei ich direkt sagen kann, dass ich die ersten beiden Bücher nicht im Februar gelesen habe, sondern schon im vergangenen Jahr, aber sie sind nun erschienen, deswegen zählen sie irgendwie als Februar-Bücher, jedenfalls behaupte ich das nun.

Das ist also die Lesezeit im Februar 2026:

»Das schönste aller Leben« von Betty Boras.
Betty Boras erzählt in ihrem Debütroman einerseits von Vio, die als Kind mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland flieht und andererseits von einer Vorfahrin Vios, Theresia, die im 18. Jahrhundert von Wien in den Banat verschleppt wird. Beide Frauen eint die Frage nach Schönheit. Wie wichtig ist sie im Leben, selbst, wenn man Äußerlichkeiten doch gar nicht so hoch bewerten möchte. Kann man zu schön sein? Theresia wird aufgrund ihrer Schönheit im ganzen Dorf misstrauisch beäugt, bis sie der Keuschheitskommision ausgeliefert wird, die sie in den Banat schickt, um dort in einem Arbeitslager ihre Strafe abzusitzen. Vios Eltern verlassen 1989 ihre Heimat, um ihrer Tochter in Deutschland ein vermeintlich besseres Leben bieten zu können. Vio versucht alles, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, ja nicht aufzufallen. Jahre später, als sie selbst Mutter einer kleinen Tochter ist, die von einem Unfall Narben im Gesicht trägt, drängt sich die Schönheitsfrage und die Verzweiflung, nicht ins Bild zu passen, wieder in ihr Leben. Neben diesen ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf Schönheit mochte ich bei der Lektüre besonders eine dritte Ebene, die so ganz anders ist als die Perspektive der beiden Frauen, denn Betty Boras lässt auch die Banater Erde zu Wort kommen, die im Laufe der Jahrhunderte so viele Menschenschicksale begleitet hat. Ein ganz wunderbares Debüt über leise Schicksale und vergängliche Schönheit. 

»Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen« von Christien Brinkgreve. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. 
Christien Brinkgreve ist Soziologin und an der Uni als streitbare Feministin bekannt. Als ihr Mann stirbt und sie das gemeinsame Haus ausräumt, muss sie sich aber der Frage stellen, wer sie eigentlich wirklich ist. In den eigenen vier Wänden, in der Beziehung mit ihrem Mann, war nicht viel zu sehen von der Frau, die sie im Unibetrieb vorgab zu sein. »Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen« ist ein sehr persönlicher, sehr intimer Blick in die Abgründe einer Partnerschaft und die Aufdeckung von Lebenslügen, die man sich selbst erzählen möchte. »Es war ziemlich verwirrend und unangenehm – was durfte man zeigen, was nicht, und wer entschied darüber? Eine Frage, die mich im Nachhinein beschäftigt: Warum konnte ich, auch mit Gegenwind, im öffentlichen Leben sichtbar sein, wurde zu Hause aber immer unsicherer und unsichtbarer?« (Seite 49)

»Danach« von Rachel Cusk. Aus dem Englischen von Eva Bonné.
Ich nehme mir immer wieder vor mehr von Rachel Cusk zu lesen, hier also nun Buch Nummer 3 nach »Outline« und »Lebenswerk« und wie schon bei den anderen Büchern bin ich sehr angetan von den klugen, sehr ruhigen Gedanken von Cusk, die in diesem Buch über ihre gescheiterte Ehe spricht und die Traurigkeit, die sie überfallt, eine gewohntes Leben hinter sich zu lassen. Möglicherweise habe ich es überlesen, aber was mir wirklich gut gefällt ist, dass Rachel Cusk nie darüber spricht, warum sich ihr Mann und sie trennen, es ist einfach so passiert und so fokussiert sich der Blickwinkel auf das Danach und nicht auf das Ereignis an sich. 

»hungern beten heulen schwimmen« von Sirka Elspaß.
Ein Gedichtband, wie ungewöhnlich! Von Sirka Elspaß mochte ich bereits »Ich föhne mir meine Wimpern« sehr und auch in diesem Buch wurden so einige Zeilen angestrichen, weil Sirka einfach einen ganz besonders feinen Ton hat, der mich sehr beglückt. »es gibt orte die haben viele rettungsschwimmer und es gibt orte da gibt es noch keine« (Seite 12)

»Partypeople« von Stefan Sommer.
Von Stefan Sommer habe ich bereits seinen ersten Roman »Trabant« gelesen und hatte nun beim zweiten Roman vor meiner Lektüre ein klein wenig Sorge, weil ich im Januar »Good Girl« gelesen habe und diese ganzen Partyszenenbeschreibungen wirklich nur schwer ertragen konnte. Nun spielt »Partypeople« passend zum Titel selbstverständlich auch auf Partys, aber Stefan Sommer bekommt es sehr gut hin, dass ich dabei nicht die ganze Zeit mit den Augen rollen muss. Der Techno-DJ, den wir in seinem musikalischen Rausch begleiten, ist so schön drüber gezeichnet und so sehr in seiner Glamour-Welt verhaftet, dass alles einen ganz magischen, irrealen Anstrich bekommt. Bei dieser Lektüre erwartet euch wenig Bodenhaftung und viel Höhenrausch hinter dem DJ-Equipment. 

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