Samstag, 3. September 2016

Deutscher Buchpreis 2016 – Die Longlist #dbp16

Mit Traditionen soll man nicht brechen. Und meine allerliebste Tradition rund um den Deutschen Buchpreis ist die, dass ich mich unendlich darüber beklage, dass ich das Heft mit den Leseproben nirgends finde. Bis es dann irgendwann beim hundersten Besuch in einer Buchhandlung plötzlich vor mir liegt. Am Freitag war es endlich soweit. Bei Hugendubel am Stachus gab es sogar einen ganzen Tisch zum Deutschen Buchpreis – mit Leseproben-Heften! Vielen davon! Man könnte fast sagen, dass es mehrere Stapel gab. Verrückt! 

Die letzten Tage habe ich nun also alle zwanzig Leseproben der nominierten Titel für den Deutschen Buchpreis 2016 gelesen, Lieblingssätze unterstrichen, Inhaltszusammenfassungen geschrieben und zum Abschluss eine tiefgehende Bewertung der Leseproben mithilfe von Smileys (🙂, 😐, ☹️) vorgenommen. Deswegen hier nun:

Nordbrezens Deutscher-Buchpreis-Longlist-Leseproben-Lese-Erfahrung


Der Weg der Wünsche von Akos Doma. Erschienen im Rowohlt Berlin Verlag.
Vorbereitung einer Geburtstagsfeier.
"Der Baum trug schon seit Jahren keine Früchte mehr, aber er spendete an heißen Tagen Kühle und vollführte ein Licht-und-Schatten-Spiel."
Weiterlesen? Ja! 

Apollokalypse von Gerhard Falkner. Erschienen im Berlin Verlag.
Er oder ich, wir gehen durch das längst verschwundene Kreuzberg der achtziger Jahre.
"Mein limbisches System nahm eine kleine körpereigene Dusche."
Weiterlesen? Nein.

München von Ernst-Wilhelm Händler. Erschienen im S. Fischer Verlag
Eine Ärztin für psychosomatische Medizin erlebt am 1. Tag ihrer eigenen Praxis eine unvorhergesehene Überraschung.
"Keine Lebenslinien. Hier sollte die Perfektion einer anderen Welt herrschen."
Weiterlesen? Vielleicht.

Fremde Seele, dunkler Wald von Reinhard Kaiser-Mühlecker.  Erschienen im S. Fischer Verlag.
Zwei Brüder sitzen in einem Wirtshaus und reden über den Russen.
"Unter der Tür wurde ein Blatt hereingeweht – Birke."
Weiterlesen? Nein.

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff.  Erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt.
Während der Autofahrt Richtung Süden wird das Für und Wider des Vignetten-Kaufs besprochen.
"... und irgendwann ein Stopp an einer Nebenstraße, man riecht schon das nahe Meer, aber auch, was es angeschwemmt hat, man leert den Aschenbecher, ist schon barfuß, geht dann auf den Rücksitz, warum nicht, und auch dieses Tun dort hat etwas Gestrandetes."
Weiterlesen? Ja.


Skizze eines Sommers von André Kubiczek.  Erschienen im Rowohlt Berlin Verlag.
Während der Vater zu einer Konferenz aufbricht, muss sich sein Sohn entscheiden – links oder rechts? (Also der Haarscheitel)
"Ich hätte ihm das gerne gesagt, aber ich konnte es nicht, und zwar aus einem einzigen Grund: Ich wusste nicht, wie ich ihn anreden sollte."
Weiterlesen? Ja.

Die Erziehung des Mannes von Michael Kumpfmüller.  Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Wenn man mit dem Vater an Silvester nicht anstößt, gibt das nur Probleme.
"Die Lektion, die ich mir am besten gemerkt habe, erteilte er mir an Silvester 1974 bei einem Verwandtenbesuch."
Weiterlesen? Vielleicht.

Drehtür von Katja Lange-Müller.  Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Über ein Feuerwerk der Wörter in einer Flughafen-Ankunftshalle.
"Wenigstens das Wort Wort ist frei, denkt Asta, zumindestens frei von jeder Doppelbedeutung, und ein Blitzgewitter heißt Blitzgewitter, weil es blitzschnell losbricht und abrupt endet, nicht wegen der Blitze, die es begleiten."
Weiterlesen? Vielleicht.

Die Witwen von Dagmar Leupold.  Erschienen im Jung und Jung Verlag.
Vier Freundinnen - keine Witwen - leben in Steinbronn. Erleben aber nichts.
"In einem solchen buchstäblich von allen Seiten umfassten Ort einsam zu sein, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – und doch gelang es vier Frauen, nicht mehr jung, aber längst nicht alt. Nur ratlos. Und irgendwie übrig."
Weiterlesen? Ja.

Das Pfingstwunder von Sibylle Lewitscharoff.  Erschienen im Suhrkamp Verlag.
Gottfried ist ein anderer Mensch, seitdem er eine Dante-Konferenz in Rom besucht hat.
"Vorkommnis, das Wort nimmt sich sonderbar aus, besonders in seiner genitivischen Form, aber ich wähle diesen nüchternen, aus dem bürokratischen Vokabelreservoir entlehnten Begriff mit Absicht."
Weiterlesen? Nein.


Die Welt im Rücken von Thomas Melle.  Erschienen im Rowohlt Berlin Verlag.
Ob in der Psychiatrie oder draußen – verwirrend ist es überall.
"Es war okay, es war furchtbar: Es war egal. Ab in den Trakt, zurück zu Konfitüre, Pillen und Kippen."
Weiterlesen? Ja (mein Favorit).

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Joachim Meyerhoff. Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Die Gore-Tex-tragenden Großeltern hinterlassen nicht nur im Teppich Spuren.
"Das Material, das zum Inbegriff dieses Leichtigkeitswahns wurde, war das sogenannte Gore-Tex."
Weiterlesen? Ja.

Am Rand von Hans Platzgumer.  Erschienen im Paul Zsolnay Verlag.
Ein Mann besteigt einen Berg – sehr gewissenhaft.
"Hat den Punkt erreicht, wo jedes Leben dem anderen zu gleichen beginnt, jedes ein ähnlich mickriges wird, aber keines mickrig genug, und jedes sowohl zu lang als auch zu kurz."
Weiterlesen? Nein.

Ein langes Jahr von Eva Schmidt.  Erschienen im Jung und Jung Verlag.
Eine Stadt am See erwacht und ein Hund verschwindet.
"Im Wasser, wie kleine Türmchen aufragend, trieben drei Bierflaschen."
Weiterlesen? Vielleicht.

Rauschzeit von Arnold Stadler.  Erschienen im S. Fischer Verlag.
Mausi bereitet sich für Tosca vor und Alain ist ein Waldschrat.
"War das nicht eine Tautologie? Dachte sich Mausi, und das hätte schon wieder der Titel eines Liebesromans sein können: Der blonde Däne, Ein tautologischer Liebesroman, geschrieben von einem Menschen, der das Leben hinter sich hatte und sich noch sehr wohl daran erinnern konnte, und auch noch daran, was die Liebe für ein seltsames Ding war."
Weiterlesen? Vielleicht.



Weit über das Land von Peter Stamm.  Erschienen im S. Fischer Verlag.
Nach dem Familienurlaub wird ausgepackt und man geht spazieren.
"Tagsüber bemerkte man die Büsche kaum, die das Grundstück von jenen der Nachbarn trennten, sie gingen unter im allgemeinen Grün, aber wenn die Sonne sank und die Schatten länger wurden, war es, als wüchsen sie zu einer Mauer, die immer unüberwindbarer wurde, bis schließlich das letzte Licht aus dem Garten verschwunden war und die ganze quadratische Rasenfläche im Schatten lag, ein dunkles Verlies, aus dem es kein Entkommen mehr gab."
Weiterlesen? Ja.

Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch von Michelle Steinbeck.  Erschienen im Lenos Verlag.
Bügeleisen aus dem Fenster werfen ist selten eine gute Idee.
"Auf dem Hof geht ein Kind, seine Schuhe blinken bei jedem Schritt."
Weiterlesen? Ja.

Die Verteidigung des Paradieses von Thomas von Steinaecker.  Erschienen im S. Fischer Verlag.
Wer nachts alleine Milch aus dem Kühlschrank holt, muss es verkraften, wenn die Leute den eigenen Geburtstag vergessen.
"Ich stelle mir manchmal vor, die Altwörter wären kleine befellte Wesen und würden sterben, wenn man sich nicht richtig um sie kümmert."
Weiterlesen? Ja.

Weshalb die Herren Seesterne tragen von Anna Weidenholzer.  Erschienen Verlag Matthes & Seitz Berlin.
Ein Zuckerpäckchen droht die Befragung des Glücksforschers zu zerstören.
"Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man verlassen wird?, fragte sie und Karl bekommt Angst, das Päckchen könnte platzen und Zucker, der Zucker wäre über den ganzen Tisch verteilt."
Weiterlesen? Ja.

Hool von Philipp Winkler.  Erschienen im Aufbau Verlag.
Die Mutter verschwindet und ein Tiger muss abgeholt werden.
"Sie roch ganz stark nach Parfüm und zog den blumigen Duft wie einen Brautschleier hinter sich her."
Weiterlesen? Vielleicht.


Meine persönliche Shortlist würde wie folgt aussehen:
- Die Welt im Rücken von Thomas Melle
- Der Weg der Wünsche von Akos Doma
- Skizze eines Sommers von André Kubiczek
- Die Witwen von Dagmar Leupold
- Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch von Michelle Steinbeck
- Die Verteidigung des Paradieses von Thomas von Steinaecker

Die offizielle Shortlist gibt es dann am 20. September, der Gewinner wird am 17. Oktober bekannt gegeben. 
Habt ihr schon einen Favoriten? Oder fehlt euch ein Titel auf der Longlist? Mir schon. Ich bin sehr traurig darüber, dass Benedict Wells mit "Vom Ende der Einsamkeit" nicht von der Jury ausgewählt wurde. 

Mittwoch, 31. August 2016

Fotobreze - August 2016

Oh, August. Mein neuer Lieblingsmonat. Noch sonnengeküsst von der slowenischen Meereinheit verbrachten Herr Gatsby und ich die letzte Woche in Budapest. Ein Fest. Doch dazu dann demnächst mehr. Mit Fotos dann. Weswegen ich hier nun nicht schon alle Budapest-Fotos zeigen möchte. Was dazu führt, dass ich trotz vieler fotografisch festgehaltenen Unterhaltungsdingen im August (Der Instawalk zum Beispiel)  fast keine neuen, unverbrauchten Fotos mehr habe. Oh weh, oh weh. Dafür möchte ich die nächsten Tage dafür nutzen, so einige Blogeinträge zu schreiben. Die Rückkehr der Topfbücher zum Beispiel. Denn irgendwo muss die Meinung zu den vielen Urlaubsbüchern ja hin. Sonst platze ich. 


// Ein bisschen Budapest muss sein – hier ein Blick auf das Wohnzimmer der besten Wohnung //
// Schon ganz schick hier //
// Selbst das Baugerüst macht den Ausblick nicht kaputt //


// Im Zug wird gelesen. Naturgesetz //
// Sowas kommt bei raus, wenn man mit Arbeitskollegen in Buchhandlungen einfällt //
// Ein Büchlein steht im Walde, ganz still und stumm ... //


// Aufwertung abfucken //
// Manche Snapchat-Filter hätte ich dann doch gerne auch in der Wirklichkeit //
// Walnuss-Party, eyeyeyey! //

Sonntag, 21. August 2016

Und was hat das mit mir zu tun? von Sacha Batthyany


Originalausgabe - Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch - 2016

Welchen Einfluss haben Ereignisse auf uns, die vor siebzig Jahren stattgefunden haben?
"Tante Margit war der Auslöser meiner Reise in die Geschichte, ihretwegen habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit meiner Herkunft auseinandergesetzt. Es war ein Massaker an 180 Juden, das mich meiner Familie näherbrachte."

Es war der 22. Juli 2016 und Karla Paul stellte im ARD Buffet Bücher für den Sommer vor. Gesehen habe ich das wieder mal nur ausschnittsweise und nicht live, man arbeitet ja um diese Uhrzeit. Vollkommen überraschend hat mich dieses Mal ein Buch der Auswahl angesprochen, welches nicht unbedingt in mein normales Leseverhalten passt. Ein Sachbuch! Und diese kurze Vorstellung von "Und was hat das mit mir zu tun" reichte aus, dass ich nach Feierabend noch in einer Buchhandlung nach dem Buch suchte. Und es fand. Und fröhlich nach Hause fuhr. Bis ich Twitter öffnete. Es war der 22. Juli 2016 und im OEZ wurden bei einem Amoklauf neun Menschen getötet. Die Frage "Und was hat das mit mir zu tun?" wird plötzlich drängender, wenn solche Gewalttaten in das nähere Umfeld rücken ...

Bei Sacha Batthyany stellt sich die Frage, was das alles mit ihm zu tun hat erst, als er von einer Kollegin auf einen Zeitungsartikel angesprochen wird. Batthyanys Familie stammt aus Ungarn, die Großtante soll kurz vor Kriegsende eine Party veranstaltet haben, bei der 180 Juden zum Vergnügen erschossen wurden. Was macht das mit einem Menschen, wenn man herausfindet, dass Familienmitglieder an Naziverbrechen beteiligt waren? Sacha Batthyany versucht diese Frage zu beantworten, fährt nach Ungarn, Österreich, Russland, Argentinien und begibt sich dort auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit. Was er dabei findet, ist keine eindeutige Antwort, sondern ein Versuch, die eigene unsichere Persönlichkeit durch vergangene Einflüsse zu erklären.

Huch. Hatte ich mich nicht bei Ralf Rothmann noch beschwert, dass ich diese Vererbungstheorie arg verschwubbelt finde? Bei Sacha Batthyany ergibt sie plötzlich Sinn. Vielleicht auch deshalb, weil er nicht mit dem Holzhammer vom Vererben des Leids spricht. Vielleicht auch, weil Sacha Batthyany einen ganz besonderen Seele-Striptease ablegt und man ihm gar nicht kritisieren kann.

Wobei das nicht ganz stimmt. Und doch irgendwie schon. Mein größter und einziger Kritikpunkt an "Und was hat das mit mir zu tun?" bezieht sich nämlich nicht auf Sacha Batthyanys Text selbst, sondern auf den Klappentext. Dieser weckt Ansprüche an das Buch, welches das Buch aber gar nicht halten kann. Laut Klappentext geht es vorwiegend um Gräfin Margit Thyssen-Batthyány und wie es dazu kam, dass bei einem Fest 180 Juden erschossen wurden. Tut es aber gar nicht. Dieser Vorfall dient Sacha Batthyany nur als Ausgangspunkt seiner Recherchen, bei denen er auf eine weitere interessante Geschichte um seine Familie stößt. Es geht nicht mehr um das Schicksal von 180 Juden, sondern um das Schicksal einer jüdischen Familie, die für Sacha Batthyanys Vorfahren gearbeitet hat. Und obwohl diese Geschichte durch die Fokussierung auf nur wenige beteiligte Personen sehr viel plastischer erzählt ist, hatte ich am Ende doch das Gefühl, dass noch etwas fehlt. Wie kam es denn nun dazu, dass auf einem Fest Nazi-Offiziere Juden erschießen? Die Antwort auf diese Frage bleibt Sacha Batthyany schuldig. Und eigentlich ist das auch nicht weiter schlimm. Der Verlag hätte nur im Klappentext einen anderen Fokus setzen müssen und alles wäre gut.

Damit hier auch kein falscher Eindruck entsteht – mich hat "Und was hat das mit mir zu tun?" extrem gefesselt. Wenn man das bei einem Sachbuch so sagen kann. Ständig habe ich die Lektüre unterbrochen und Dinge recherchiert, die im Buch angesprochen wurden. Ständig musste Herr Gatsby als Ungarn-Experte herhalten und Fragen beantworten. Die Aufarbeitung der Geschichte anhand einer einzelnen Familie hat mir sehr gut gefallen, weil sie persönlicher vonstatten geht. 

Sacha Batthyany erzählt meisterhaft ein Familienschicksal, ein Geschichtsschicksal, welches einen komplett einnimmt und wahrlich nur schwer aus dem Kopf zu kriegen ist.

"Wie kann man nur so blind sein?, fragte ich mich. Wie geht das, dass ein ganzes Volk nicht hinsehen will? Aber ist es heute so viel besser?" (S. 139)

Dienstag, 16. August 2016

The Girls by Emma Cline


Originalausgabe - Erschienen bei Chatto & Windus/Penguin Random House - 2016 – Vielen Dank für das Leseexemplar!

California. The summer of 1969. In the dying days of a floundering counter-culture a young girl is unwittingly caught up in unthinkable violence, and a decision made at this moment, on the cusp of adulthood, will shape her life....

Kein englischer Text zu einem englischen Buch. Es war schwierig genug, "The Girls" auf Englisch zu lesen, was einerseits mit der eingerosteten Fremdsprache und andererseits mit dem Buch selber zu tun hatte. Denn – und es tut mir leid, das sagen zu müssen – aber DAS Sommerbuch 2016 hat mich komplett kalt gelassen. 

An "The Girls" kam man in den letzten Wochen gefühlt gar nicht vorbei. Egal, ob auf Englisch oder Deutsch, das Buch war in aller Munde, auf allen Instagram-Kanälen, in jedem Twitter-Stream. Dermaßen beeinflusst konnte ich nicht anders und las "The Girls". Hauptsächlich in Slowenien, weswegen das Buch immer noch klebt. Sonnencreme, kennt man ja. Außerdem hätte man streckenweise ATM als Fotomodells nutzen können, denn wir lasen das Buch zeitgleich. Nebeneinander. Ein großer Spaß. Wenigstens bei den Rahmenbedingungen. Inhaltlich hört der Spaß dann auf.

Sommer 1969. Evie Boyd ist ein junges, gelangweiltes Mädchen. Sie begegnet den Mädchen, die eine besondere Anziehungskraft auf sie ausüben. Lange Haare, luftige Kleidung, barfuß, skeptisch beobachtet vom Rest der Bevölkerung. Evie lässt sich treiben, verbringt immer mehr Zeit auf der Farm, einem abgelegenen Grundstück, auf dem Russell seine Anhänger um sich schart. Mit Drogen und Sex bindet Russell Evie immer enger an sich und die Mädchen. Bis eine grausame Tat Evie aufrüttelt. So jedenfalls erzählt es Evie Jahre später in der Rahmenhandlung, bei der sie das Haus eines alten Freundes hütet und auf dessen Sohn und seine Freundin trifft. 

Oh, die 70er-Jahre. Gut, das Buch spielt 1969, aber trotzdem. Mit Hippies kann ich komplett nichts anfangen. Und deswegen habe ich Evies Faszination für langhaarige, barfüßige Mädchen, die Drogen nehmen und Sex mit einem Pseudo-Guru haben, komplett nicht nachvollziehen können. Für mich zog sich die Lektüre wie Kaugummi. Ein Kaugummi, der mich sehr verwirrte, weil Emma Cline ständig Zeit- und Ortssprünge einbaut. Der Wechsel zwischen 1969 und heute findet manchmal so abrupt statt, dass ich einen Absatz häufiger lesen musste, um zu verstehen, welche Personen da jetzt plötzlich aufgetaucht sind, weil diese im vorherigen Absatz noch gar nicht geboren waren. 

Die "unthinkable violence" sowie die ganze Geschichte um "The Girls" ist angelehnt, an die Manson Family, eine Hippie-Kommune, die Ende 1960 mehrere Menschen ermordet hat, darunter die schwangere Frau von Roman Polański. Im Buch schwebt dieses Ereignis die ganze Zeit über der Geschichte, es werden Andeutungen fallen gelassen, doch bis zum Ende weiß man nicht genau, welche Rolle Evie dabei gespielt hat. Erst ungefähr 50 Seiten vor Schluss beschreibt Emma Cline, was Russell seinen Girls aufgetragen hat. Und erst in diesem Moment schafft es die Autorin mich wenigstens halbwegs zu fesseln. Aber ich glaube nicht, dass das an meinem heimlichen Vergnügen an Gewaltfantasien liegt. Sondern eher daran, dass erst dann überhaupt etwas passiert.

Die Charaktere bleiben die ganze Zeit über farblos, austauschbar und handeln ohne erkennbares Motiv. 350 Seite lang wird versucht, das Gefühl der 70er aufzubauen, aber es kommt nichts bei mir an. Drogen und Sex sollen skandalös wirken, diese Wirkung verpufft aber ob der zahllosen Wiederholungen der immergleichen Abläufe. Vielleicht bin ich in der Hinsicht aber auch schon abgestumpft. Ich hatte mir einfach einen tieferen Einblick in die damalige Zeit erwartet. Und eine interessantere Beziehung zwischen den Mädchen. 

So bleibe ich enttäuscht zurück und frage mich, was die restlichen Leser des Buches anders gemacht haben. Hätte ich das Buch lieber auf Deutsch lesen sollen? Fehlt mir prinzipiell der Zugang zu diesem Jahrzehnt, dieser Lebenseinstelllung? Falls mir da jemand weiterhelfen kann, gerne! 

Sonntag, 14. August 2016

"Es ist gefährlich, bei Stum zu schwimmen" von Ulla Scheler


Originalausgabe - Erschienen bei heyne fliegt - 2016 - Herzlichen Dank für das Leseexemplar!

Ben ist seit Ewigkeiten Hannas bester Freund. Er ist anders. Wild, tollkühn, ein Graffiti-Künstler, ein Geschichtenerzähler. Und keiner versteht Hanna so wie er. Nach dem Abi packen die beiden Bens klappriges Auto voll und fahren zum Meer. An einen verwunschenen Strand, um den sich eine düstere Legende rankt. Sie erzählen sich Geschichten. Bauen Lagerfeuer. Kommen einander dort nahe wie nie zuvor. Und Hanna hofft, endlich hinter das Geheimnis zu kommen, das Ben oft so unberechenbar und verzweifelt werden lässt. Doch dann passiert etwas Schreckliches …

Geständnis: Bis vor kurzem hatte ich "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" nicht auf meinem Bücherradar. Obwohl das Buch quasi nach mir schreit. Das Cover. Das Meer. Alles einfach. Umso mehr freue ich mich, dass ich diese kleine Perle entdeckt habe. Beziehungsweise, dass mich Heyne anstupst hat. Denn zu "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" (am Handy hab ich mir extra einen Kurzbefehl eingestellt, damit ich nur #es eingeben und nicht immer den ganzen Titel tippen muss. Faszination Technik!) fand am letzten Freitag ein Instawalk statt. Und ich war eingeladen. Hurra!


Zusammen mit acht weiteren Münchner Blogger-Instagram-Twitter-Youtube-Menschen und Ulla Scheler (hier kurz ein Fangirl-Moment: Gott, ich bin schwer verliebt in Ulla. Extrem sympathisches Mädel) wurden wir von Nadja (stattreisen-muenchen.de) in die Münchner Street Art-Szene eingeführt. Und geführt. Im Alltag achtet man für gewöhnlich eher selten auf die bunten Sprayereien. Aber ein zweiter Blick lohnt sich auf jeden Fall. 


Warum Street Art? Weil Ben aus "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" sprayt. Ganz im Gegensatz zu den meisten Werken, die wir uns in München angesehen haben, tut er das aber illegal. Hanna, seine beste Freundin, sieht seinen Drang nach Kunst im öffentlichen Raum eher skeptisch. Hanna ist die Ruhige, Vernünftige, die Ben erdet. Wohingegen er sie an ihre Grenzen bringt – I dare you. Nach dem Abi driften die Beiden auseinander. Ein letzter gemeinsamer Ausflug vor dem Erwachsenwerden. Ans Meer. 

"Weißer Streifen um weißer Streifen verschwand unter der Kühlerhaube. Es sah aus, als würde sie die Straße fressen. Sie fraß und fraß und fraß." (S. 56)

Am Meer angekommen verändert sich die Freundschaft von Hanna und Ben. Die Nähe zwischen den Beiden wird intensiver, drängender, umfassender. Gleichzeitig entfernen sich die Beiden Stück für Stück voneinander. Auseinandergetrieben von einer alten Legende, die ihnen ein Mädchen am Strand erzählt. Wahrheit und Fiktion verwischen und am Ende, am Ende ist Ben verschwunden.


"Und dazwischen bist du, und du weißt, du kannst das Meer nicht verändern. Weder seine Farbe noch wie groß die Wellen werden. Aber während du dort sitzt, verändert es dich." (S. 289)

Zu Beginn war ich – ähnlich wie Tina – unsicher, ob ich überhaupt noch in die Zielgruppe gehöre. Dieses Nach-Abi-Gefühl hatte ich selbst vor zehn Jahren nicht. Den Drang zum Meer zu fahren versteh ich hingegen sehr. Und so schlichen sich Hanna und Ben auf Zehenspitzen in mein Herz. Erst nach dem Instawalk habe ich das Buch beendet (und ich bin ohne Spoiler durch das Treffen gekommen. Ich finde, das muss besonders gewürdigt werden!), dann aber in einem Rutsch, weil mich die Geschichte und die Geschichte in der Geschichte gefesselt haben. Ulla transportiert die Gefühle ihrer Protagonisten ganz ohne Holzhammer und Klischees. Viel mehr gleitet man wie bei den Gezeiten zusammen mit Hanna und Ben ins Meer und plötzlich steht man bis zum Hals im Wasser, weil man die Flut nicht bemerkt hat. Denn es ist gefährlich, stürmisch zu leben. Und zu lieben. Ein großartiger Debütroman, der Meersehnsucht weckt.


An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an den Heyne Verlag für die Einladung und für das Leseexemplar! Außerdem natürlich ein großes "Hurra" an die anderen Mitgeher und besonders an Ulla! Ich freu mich schon sehr auf dein nächstes Buch!