Sonntag, 21. Februar 2016

Im Frühling sterben von Ralf Rothmann.


Originalausgabe - Erschienen im Suhrkamp Verlag - 2015

"Die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort für uns wüsste ..."

Im Sommer des vergangenen Jahres sorgte Ralf Rothmann für ein kleines Erdbeben im Feuilleton. Anstatt sich standesgemäß in den Medienrummel rund um den Deutschen Buchpreis einspannen zu lassen, ließ sich Herr Rothmann von seinem Verlag gar nicht erst für die Auszeichnung nominieren. Ob dies eine reine PR-Entscheidung war (denn für Gesprächsstoff sorgt man auf diese Art und Weise auf jeden Fall), darf gerne diskutiert werden, heimlich muss sich der Gewinner (wir erinnern uns: Frank Witzel mit dem extralangen Buchtitel ""Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969") wohl mit Rothmanns Buch messen lassen. Das dürfen auch gerne andere Menschen machen, denn die RAF-Erfindung habe ich nicht gelesen. "Im Frühling sterben" schon und deswegen folgt in den nächsten Zeilen nun eine Einschätzung.


Rothmann umrahmt seine Geschichte der beiden Freunde, die sich am Ende des zweiten Weltkriegs unerwartet wieder gegebenüberstehen, der eine an der Wand, der andere mit dem Gewehr in der Hand, mit einer kurzen Vater-Sohn-Beziehung, die man meiner Meinung nach auch einfach hätte weglassen können. Diese 13 Seiten erklären für mich nicht die verwirrende Erbtheorie, die Ralf Rothmann in "Im Frühling sterben" aufzustellen versucht. Aber dazu gleich.

Februar 1945. Walter und Fiete sind zwei junge Buben (das Wort wollte ich unbedingt mal benutzen), 17 Jahre alt und lebten bisher als Melker auf einem Bauernhof in Norddeutschland. Der Krieg ist verloren, nein, natürlich nicht, deswegen sucht die SS auch die allerletzten verbliebenen, kriegstauglichen Männer und schickt sie als Kanonenfutter an die Front. So landen Walter und Fiete in Ungarn. Der Weg der beiden Freunde trennt sich aber schnell, Walter wird Fahrer in der Versorgungseinheit, Fiete muss als einfacher Soldat ganz nach vorne. Während Walter es mehr schlecht als recht schafft, sich aus dem Gröbsten rauszuhalten (sofern das mit einer SS-Uniform überhaupt geht), wird Fiete bei einem Angriff schwer verletzt und landet im Lazarett. Statt nach Hause geschickt zu werden, soll er aber wieder an die Front. Kanonenfutter, wir erinnern uns. Und da macht Fiete nicht mit. Er will fliehen, er desertiert, wird gefasst und entsprechend bestraft. Ein Erschießungskommando steht bereit. Und in eben jenem Erschießungskommando steht nun plötzlich Walter und weiß nicht, was er tun soll. Er kann doch nicht seinen Freund erschießen! Oder?

"Aus Menschlichkeit, natürlich. Weil du sein Freund bist, wie du sagst. Da wirst du gut zielen, damit er nicht leidet."

Dieser moralische Konflikt hinterlässt laut Ralf Rothmann Spuren. Nicht nur bei Walter selbst. Sondern auch in seinen Genen. Das Gedächtnis der Zellen wird sich auf ewig daran erinnern, wird diese Erinnerung sogar weitergeben. Die Spermien von Walter tragen dieses Leid an all die Kinder weiter, die Walter zeugen wird. Und darum auch die Rahmenhandlung, in der er Sohn Walters leidet und nicht weiß warum.

Wenn diese eigenartige, verschwubbelte Erbtheorie nicht wäre, wäre "Im Frühling sterben" ein sehr viel besseres Buch. Eigentlich will ich gar nicht ein Buch aufgrund eines einzigen Aspektes so negativ bewerten, aber wenn Ralf Rothmann gerade diesen sogar selbst so herausstellt (wie bei "Titel, Thesen, Temperamente"), scheint ihm dies wichtig zu sein. Und damit kann ich leider gar nichts anfangen.

Ja, Kinder werden von ihren Eltern beeinflusst. Aber nicht durch traumatische Erinnerungen, die sich in den Genen speichern und durch Spermien und Eizellen weitergegeben werden. Sondern durch Verhaltensmuster. Und ich glaube nicht, dass Rothmann hier nur ein plastisches Bild dafür schaffen will, sondern an diese Vererbungslehre wirklich glaubt.

Abschließend: "Im Frühling sterben" zeigt ausschnittsweise die Grausamkeiten des Krieges auf Seiten der Soldaten. Der Vergleich mit "Im Westen nichts Neues" drängt sich hier unwillkürlich auf. Für mich ist Remarques Buch aber das prägnantere, direktere Buch zum Thema. 

Kommentare:

fraupixel hat gesagt…

Schön deine Meinung lesen zu können. Interessant, dass dir das Erb-Geschwurbel aufgestoßen hat. Es ist vielleicht tatsächlich etwas "esoterisch"? Mich hat diese Theorie allerdings nicht gestört. Ich kann aber nachvollziehen was du meinst.
Ich fand im Buch besonders stark, wie er mit dieser Schuldfrage umgegangen ist. Wenn man zurück aus dem Krieg kommt und nicht darüber reden kann, was man getan hat. "Schuld" ist ja immer ein besonderes Thema für die Deutschen, aber der Rothmann hat es ganz unverkopft eingearbeitet.

Marina hat gesagt…

Ich glaub, mein Problem mit dieser esoterischen (gutes Wort dafür!) Erb-Geschwubelsache ist, dass ich vor der Lektüre des Buches eben das Interview mit Rothmann gesehen habe und er das da so herausgestellt hat. Dann hatte ich erst noch die Hoffnung, dass das einfach nur ein Gedanke von ihm ist, den er aber nicht im Buch so wortwörtlich hinschreibt. Und dann stand das da plötzlich und ich war richtig genervt.
Und ja, alles rund um Schuld und Schuldfrage finde ich auch sehr gut umgesetzt bei Rothmann. Ich bin nur irgendwie in diesem Fall sehr schlecht im Ausblenden von den Dingen, die mich im Buch stören.