Freitag, 14. November 2014

Goodbye, Jehova! von Misha Anouk.

(Vielen lieben Dank für das Leseexemplar!)

Vor gut einem Jahr bin ich durch einen Artikel auf jetzt.de auf den Blog "Ich bin geistig krank" aufmerksam geworden. Ich habe alle Beiträge des (damals noch anonymen) ehemaligen Zeugen Jehovas gelesen, weil sie nicht nur amüsant zu lesen, sondern auch mit vielen Informationen und Quellen ausgestattet waren. Im Laufe der Zeit haben sich die Erfahrungsberichte zu einem Blog für "politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, Medienkritik und Bullshit-Aufklärung"  (siehe indub.io) weiterentwickelt, aus dem anonymen Schreiber ist Misha Anouk geworden, der nun ein Buch über seine Zeit bei den Zeugen Jehovas geschrieben hat. Welches ich gelesen habe, weswegen ich nun davon berichte. 

Persönlich glaube ich, dass Jehova unbedingt noch den finalen Band von George R R Martins Lied von Eis und Feuer abwarten möchte.

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich den größten Teil des Buches schon durch Mishas Blog kannte. Ich glaube, bis auf die Ausschlussgeschichte war für mich, im Bezug auf die persönliche Geschichte, nichts Neues dabei. Das Buch enthält dafür sehr viel mehr Hintergrundinformationen und Quellenangaben als der Blog. Ich hab dann irgendwann aufgehört, die Endnoten immer nachzulesen (Tschuldigung ...). Ich schätze diese intensive Recherchearbeit, die für das umfangreiche Quellenverzeichnis nötig war, aber sehr, weil das Buch dadurch mehr als nur ein persönlicher Bericht über die Zeit und den Ausstieg bei den Zeugen Jehovas ist. Womit ich diesen Teil überhaupt nicht kleinreden möchte, im Gegenteil, erst durch die persönlichen Schilderungen und Erfahrungen wird das Buch lebendig. 

Misha Anouk wuchs in einer Zeugen-Jehovas-Familie auf und versuchte jahrelang den Erwartungen seiner Familie, seiner Versammlung, der gesamten Wachturm-Gesellschaft zu entsprechen. Bis das nicht mehr ging. Und er ging. Oder er gegangen wurde. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Inklusive Kontaktabbruch der Familie.

Eigentlich würde ich nun sagen, dass ich selber mit den Zeugen Jehovas nicht viel zu tun habe. Wenn ich mich richtig erinnere, hat erst einmal eine Frau hier geklingelt und mir einen Flyer über die neue Homepage der Zeugen gegeben (das ist insbesondere deswegen lustig, weil Misha in seinem Buch schreibt, dass die Zeugen = die leitende Körperschaft eigentlich das Internet nicht so gut finden. Aber man muss sich ja anpassen. Deswegen gibt es es auf der Seite auch mitreißende Videos für Kinder, die ich teilweise geguckt habe). 
Da steht aber ein "eigentlich". Und das "eigentlich" steht für eine gute Freundin. Ich war einmal in einer Pause bei einem Kongress im Olympiastadion. Ich hab bei einer gemeinsamen Zugfahrt eine Geschichte aus dem Wachturm gelesen. Ich hab tagelang auf sie eingeredet, damit sie zur Weihnachtsfeier unseres gemeinsamen Ausbildungsbetriebs kommt, denn die Weihnachtsfeier fand im Februar statt, weil man als Buchhandlung eher schlecht mitten im Weihnachtsgeschäft eine Firmenfeier schmeißt und die Weihnachtsfeier also gar nichts  mit Weihnachten zu tun hat. Ich hab vor einigen Jahren ein anderes Buch über einen Ausstieg bei den Zeugen Jehovas gelesen (Die Zeugen Jehovas. Auch ich habe ihnen geglaubt. Sanfter Einstieg, harter Ausstieg. Ein Lebensbericht von Monika Deppe. Finde ich jetzt im Nachhinein relativ belanglos. Das Buch von Misha ist besser). Ich war bei ihrer Hochzeit. Umgeben von Zeugen Jehovas, die alle furchtbar nett, sympathisch und offen waren.
Ich mag sie wirklich sehr. Und doch bleibt - gerade jetzt, nach der Lektüre von "Goodbye, Jehova!" - so ein komisches Gefühl da, dass ich sie eigentlich gar nicht richtig kenne. Ich kenne den fröhlichen, den weltlichen Teil von ihr. Ich kenne aber nicht die restlichen 90% ihres Lebens. Und das macht mich traurig. Aber ich werde sie auch nicht fragen, weil ich feige bin. Weil ich Angst habe, dass sie den Kontakt abbricht. So wie sie es eigentlich sollte. Schließlich bin ich eine Ungläubige. Ich werde in Harmagedon sterben, während sie mit Pandabären kuschelt.

Mishas Buch liefert Antworten auf Fragen, die ich ihr nicht stelle.

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