Mittwoch, 26. November 2014

Martin Walser im Literaturhaus München.


Gestern Abend fand eine Lesung von Martin Walser zu seinem neuesten Tagebuchband "Schreiben und Leben: Tagebücher 1979-1981" statt. Und wir waren live und in Farbe dabei. In einem Raum voller älterer Menschen, die noch das Feuilleton der SZ vor der Lesung lesen oder ihre Schuhe ausziehen und mit weißen Tennissocken herumsitzen. Und fast hätte das Saalpublikum vor lauter Aufregung beim falschen alten, weißhaarigen Mann geklatscht, da kam nämlich wenige Minuten vor Martin Walser ein anderer alter, weißhaariger Mann durch die Bühnentür. Ich hätte wahrscheinlich aus Gewohnheit mitgeklatscht, weil ich spontan vergessen habe, wie Martin Walser überhaupt aussieht. Damit euch dieser Fehler nicht passiert: Martin Walser ist der Mann mit den sehr strubbigen Augenbrauen. Ich konnte kein Foto machen, weil es meinem Handy zu kalt war und es sich nach dem Foto der leeren Bühne (siehe oben) verabschiedet hat. Als die Lesung vorbei war, ist es aber brav wieder auferstanden. 

Die Lesung selbst bestand aus zwei Teilen. Am Anfang hat Martin Walser einige Passagen aus dem neuen Tagebuchband vorgelesen, danach gab es eine Frage-Antwort-Runde mit Martin Walser und Jörg Magenau. Und weil ich ein furchtbar vergesslicher Mensch bin, habe ich mir Notizen gemacht. Auf dem Programmheft. Weswegen mir das Entziffern nun etwas schwer fällt.
Es folgt nun eine Gedankenfetzenauswahl von und mit Martin Walser:

- Hausautor! Augenbrauen! Weißwein!
- Hundefutter im Kofferraum
- Verendung der Leseexemplare zu Seelenbrand (Martin Walser hat sich versprochen, eigentlich meinte er "Versendung" - der Saal biegt sich vor Lachen)
- Martin Walser hat viel zu viele Schuhe
- Die Tagebücher werden teilweise in Blankobücher von Suhrkamp geschrieben
- "Aus mir spricht der Widerspruch"
- "Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die Schwächste"
- "Siegfried ist übrigens Siegfried Unseld"
- die Tagebücher sind quasi das "Zentralwerk" - gut, dass wir gerade im Seminar zu Walsers Büchner-Preisrede darüber gesprochen haben, dass Walser biografische Werke doof findet
- Reich-Ranicki hat Walter Scheel ein Kompliment zu seiner Krawatte gemacht, um das Eis zu brechen
- Frage von Jörg Magenau "Warum heißt den dieser Band jetzt nicht mehr Leben und Schreiben?", Antwort von Martin Walser "Ach, das war nur ne Verwechslung im Verlag" (Der Saal lacht wieder lautstark) "Das klang eben gut" - ernsthaftere Antwort "Das Leben wird immer unwichtiger, das Schreiben immer wichtiger"
- der Unterschied zwischen den Tagebüchern von Thomas Mann und Martin Walser ist, dass Thomas Mann aufgeschrieben hat (Magenmittel!) und Martin Walser hingeschrieben
- Jörg Magenau: "So ein Schriftstellerleben gibt es nicht mehr!" und Martin Walser runzelt die Stirn "Die Jungen schreiben sicherlich auch sowas, aber das ist eben noch nicht veröffentlicht! Sowas gab es schon immer. Es gibt immer Fixsterne" (Sehr richtig!)
- nach der Ehefrau kommt der Verleger
- Unseld war nur das Gewinnen gewöhnt, er hat Schachbretter umgeworfen, damit er nicht verliert
- Unseld war solange mit Walser befreundet, wie er ihn gebraucht hat
- Laut Presse war Walser schon Kommunist, Nationalist und Antisemit
- "Solche wie mich, verachte ich. Mich aber nicht!" - Selbstkritisch oder überheblich?
- Wortmenschen

Ich musste während der Lesung immer mal wieder nachrechnen, wie alt Martin Walser ist, weil der so viele Dinge schon erlebt hat und so unfassbar viele Menschen kennt. Menschen, die ich nur aus dem Geschichtsbuch kenne und die - wie in den Gedankenfetzen schon erwähnt - Fixsterne sind. Der kannte Siegfried Unseld! Unseld ist derzeit mein Lieblingsverlagsmensch, zu dem ich aufgrund eines möglichen Masterarbeitsthema viel recherchiere. Und dann sitzt da jemand auf der Bühne, der mit dem Schach gespielt hat. Surreal.
Bisher habe ich keinen der Tagebuchbände von Martin Walser gelesen, in meinem Bücherregal stehen zwei andere Werke von ihm (Briefe an Lord Liszt und Der Augenblick der Liebe plus in Gatsbys Regal Meßmers Gedanken, Finks Krieg, Meßmers Reisen, Tod eines Kritikers, Meßmers Momente und Tagebücher 1974 - 1978), die ich erst einmal lesen sollte. Und auch, wenn bei der Lesung gestern sehr häufig von Unseld die Rede war, schreckt mich doch die Kritik der FAZ, die von langen Listen mit Ankunfts- und Abfahrszeiten von Zügen spricht. Herr Walser kann auch anscheinend nicht sehr gut mit Kritik umgehen, er wirkte immer sehr verbittert, wenn er darauf angesprochen wurde.
Nach der Lesung hatte ich eigentlich erwartet, dass die Menge aufgeregt nach vorne rennt, um sich ein Buch signieren zu lassen. War aber gar nicht so. Die Menge ist aufgeregt nach draußen gelaufen, um sich ein Buch zu kaufen, um dann aufgeregt in den Saal zurückzukehren, um sich das gerade erworbene Buch signieren zu lassen. Und wir sind nach Hause gefahren.

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