Dienstag, 11. August 2015

Das Salz in der Wunde von Jean Prévost.


Originaltitel: Le Seul sur la plaie - Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky - Erschienen im Manesse Verlag - 2015 - Vielen herzlichen Dank für das Leseexemplar!

Aller Aufstieg ist schwer. Sein geliebtes Paris hat Dieudonné Crouzon wegen eines Skandals verlassen müssen, der Empfang im Provinznest Châteauroux ist für den jungen Großstädter frostig. Doch die Demütigung brennt wie Salz in der Wunde - Crouzon arbeitet sich hoch und kehrt im Triumph an die Seine zurück.
Jean Prévost fesselt mit einer Lebensgeschichte aus den 1920er-Jahren, als Medien und Werbung den Zeitgeist revolutionierten. Den Anbruch einer neuen Epoche schildert er mit der Verve eines großen modernen Erzählers. 

Dieses Buch ist toll. Man schlägt die erste Seite auf und - WUSCH - ist man direkt in der Handlung. Keine langen Erklärungen, kein Prolog, nix. Der erste Satz - "Kennst du dich eigentlich, Crouzon?" - wirft einen direkt in das Wohnzimmer von Dousset, einem Freund von Crouzon, dem Hauptprotagonisten. Aus dieser einfachen Frage, an die ein Vorwurf geknüpft ist (Dousset behauptet nämlich Crouzon hätte ihm die Brieftasche geklaut) entspinnt sich die komplette Handlung, auch, wenn die Szene im Wohnzimmer gerade mal vier Seiten andauert, der Vorwurf des Diebstahls ist bis dahin auch widerlegt. Es folgen aber noch 239 Seiten, auf denen wir Crouzon ins selbstgewählte Exil aufs Land begleiten und dort seinen Aufstieg zu einem mächtigen Mann erleben dürfen. Das Buch dreht quasi die Redewendung "Aufstieg und Fall" um und beschäftigt sich mit dem Fall und Aufstieg eines jungen Mannes, der sich in der Provinz durch kluge Ideen und geschickte Investments vom Wahlkampfhelfer bei einer Wahlkampfzeitung zum Besitzer einer eigenen Zeitung und Druckerei wandelt. 

In einer Zeit, in der es das Wort "Marketing" noch nicht gab bzw. einfach nur "Reklame" hieß, schafft es Crouzon durch Konzentration auf die Region - Ansprache der örtlichen Händler statt Werbeanzeigen für Kaufhäuser in Paris, Veröffentlichung von regionalen Nachrichten und Kleinanzeigen - seine Zeitung sowie seine Druckerei, trotz anfänglicher Skepsis der Landbewohner, erfolgreich zu etablieren. Diese Zeitreise in die Werbebranche (mehr oder weniger Werbebranche) fand ich sehr spannend. "Das Salz in der Wunde" hat mal wieder den 20er-Jahre-Vorteil. Und es spielt in Frankreich. Auch wenn ich einige Begriffe und Zusammenhänge nicht ganz verstanden habe, aber dafür hat das Buch einen sehr nützlichen Anmerkungsteil. 

"Das Salz in der Wunde" ist die erste deutsche Übersetzung, die es von Jean Prévost gibt. Das Nachwort verrät, dass es noch ein paar mehr Romane von ihm gibt, die aber alle noch nicht übersetzt wurden. Schade, mir hat nämlich der sehr kühle, sachliche Schreibstil, der Aufbau der Geschichte und die Charaktere sehr gut gefallen. Vielleicht kommt da ja noch mehr. 

Und - mir gefällt das Buch optisch sehr gut. Schwarz-weißes Foto als Cover, orange Highlights im Titel, die Farbe findet sich im Lesebändchen wieder, grauer Leinenumschlag. Ja, doch. Sehr schick. Und hinten im Buch ist noch Werbung für weitere Bände aus der Reihe "Klassiker der Modernen", die mich neugierig gemacht hat. Glücklicherweise habe ich entdeckt, dass ich einen Band davon ("Die Party bei den Jacks" von Thomas Wolfe) sogar schon besitze, ein anderer Band ("Dämmerschlaf" von Edith Wharton) ist auf meine Wunschliste gewandert. 

Kommentare:

Tobi hat gesagt…

Liebe Marina,

das Thema und die Zeit hört sich echt interessant an. Die 20er Jahre haben irgendwie was Magisches. Und französische Autoren mag ich ohnehin sehr gerne. Der Manesse Verlag hat echt einige gute Bücher, das ist mir in letzter Zeit schon aufgefallen. Glaub da muss ich mal genauer durchs Programm stöbern.

Liebe Grüße
Tobi

Marina hat gesagt…

Ha, ich freu mich, dass es noch mehr 20er-Jahre-Fangirls gibt ;)
Und ja, ich muss - abgesehen von den zwei Titeln, die ich schon genannt habe - auch noch einmal durch das Manesse-Programm durchgucken, weil die schon tolle Sachen machen, ich die aber normalerweise nicht so auf dem Schirm habe.