Sonntag, 23. August 2015

Solitaire von Alice Oseman.


Originaltitel: Solitaire - Aus dem Englischen von Anja Galić - Erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag - 2015

Mein Name ist Victoria Spring. Manchmal hasse ich Menschen. Für meine seelische Gesundheit ist das wahrscheinlich ziemlich übel. Okay, vielleicht hasse ich nicht jeden. Aber die Liste meiner Freunde sieht im Moment so aus:
1. Michael Holden - derzeit heißester Anwärter auf den Titel Freund. Oder besser nicht.
2. Becky Allen - früher beste Freundin, jetzt anscheinend nicht mehr.
3. Lucas Ryan - s.o.
Das ist die Geschichte von Tori. Michael. Becky. Lucas. Und dem Jahr, das alles veränderte.

Tori Spring ist eigentlich der Durchschnittsteenager. Immer traurig, immer voll Weltschmerz, im Internet aktiv, in der Schule gelangweilt. Für mich ist das jedenfalls der Durchschnittsteenager, weil ich selbst als Teenager oft genau so war. Toris langweiliges Leben wird durch Solitaire durcheinandergewirbelt. Und damit ist nicht das überaus beliebte Computerkartenspiel gemeint. Solitaire ist eine anonyme Schülergruppe, die die Schule terrorisiert und über die Anschläge auf einem Blog berichtet. Blog! Tori hat natürlich auch einen Blog (obwohl im Buch immer nur gesagt wird, dass Tori einen Blog hat. Es wird nie gezeigt, was sie schreibt, das fand ich ein bisschen schade). Tori surft auch stundenlang durch Tumblr. Wahrscheinlich ist mir Tori deswegen ans Herz gewachsen. Auch, wenn sich meine Tumblr-Aktivitäten auf die Suche nach passenden gifs beschränken. Obwohl Tori Solitaire erst ignoriert, versucht sie irgendwann doch herauszufinden, wer oder was hinter der Gruppe steckt, nachdem ihr auffällt, dass fast alle Aktionen etwas mit ihr zu tun haben. 

Neben Solitaire bringt auch Michael Holden Tori durcheinander. Michael ist neu an der Schule, ein klein wenig verrückt (aber er ist Eisschnellläufer. Hallo? Wie toll ist das denn?) und versucht, eine Freundschaft zu Tori aufzubauen. Tori ist das gar nicht recht, ist sie doch eher die Einzelgängerin, die zwar einige Freunde hat, sich in dieser Freundesgruppe aber eher zurückhält und sich nur treiben lässt. Im Schneckenhaus versteckt. 

Ich frage mich, wie Michael es einfach so schafft, aus etwas Kaltem etwas Wunderbares zu machen. Ich frage mich, ob viele Leute so sind, und dann frage ich mich, ob ich auch so wäre, wenn ich nicht ständig grübeln würde.

Alice Oseman hat "Solitaire" mit gerade mal 17 Jahren geschrieben. Und ich finde, das merkt man auch. Damit meine ich jetzt nicht, dass das Buch stilistisch unausgereift wirkt, sondern, dass man sehr viele popkulturelle Erwähnungen aus der jetzigen Zeit findet. Harry Potter! Sherlock! Muse! Twilight! Hunger Games! Wenn man ein Universal-Medien-Fangirl ist, wird man sich an diesen Anspielungen erfreuen. Und gleichzeitig ist das sicherlich die größte Schwäche von "Solitaire". Ich denke, in ein paar Jahren kann man das Buch nicht mehr lesen, weil man es nicht mehr versteht. Es bleibt die Teenager-Selbstfindungs-Geschichte, die man in vielen anderen Büchern auch finden kann. In diesem Fall finde ich es aber erstaunlich, wie es Oseman hinbekommt, auch die Nebencharaktere (allen voran Charlie, der Bruder von Tori, und Nick, der Freund von Charlie) glaubwürdig und durchdacht zu beschreiben und sich nicht nur auf die Hauptprotagonisten zu konzentrieren. Weitere Abweichung: Das Buch spielt in England! Spielen nicht alle Teenager-Jugendbücher immer in den USA? So müssen die Schüler Schuluniformen tragen und alle trinken immer Tee. Michael trinkt immer Tee. Tori mag keinen Tee. Tori trinkt die ganze Zeit Diät-Zitronenlimo. 

The Times sagt über "Solitaire": "'Der Fänger im Roggen' für das digitale Zeitalter."

"Solitaire" sagt dazu:
Becky seufzt. "Großer Gott. Muss man als Jugendlicher immer gleich mit diesem Buch verglichen werden, nur weil man mal traurig ist?"
[...]
"Ich meine, hat irgendjemand von euch es überhaupt schon mal gelesen", fragt Becky. 
Es ertönt ein einstimmiges "Nein".

Das ist lustig, weil es wahr ist.

Kommentare:

  1. Das stimmt. Ich hab den Roggenfänger gelesen. Aber so gut fand ich den gar nicht.

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  2. Ich habe den auch gelesen und ich fand und finde den sehr sehr gut. :D

    Ich habe erst vergessen die Benachrichtigung einzuschalten und dachte schon, du hättest meinen Kommentar nie veröffentlicht, weil der dissenswert (sic!) ist!

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