Samstag, 3. Oktober 2015

#aufeinbiermit ... Literaturkritik offline und online.

Den Donnerstagabend verbrachte ich zusammen mit Arbeitskollegen und weiteren Menschen in der Bibliothek des Literaturhauses München. Was man eben so macht. Unter dem Motto "Auf ein Bier mit ..." (sehr guter Hashtag, jawohl) versammelte sich die Münchner Buchbranche und hörte vier bzw. fünf klugen Köpfen dabei zu, wie sie über Literaturkritik sprachen: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!" Katrin Passig, Karla Paul, Marie Schmidt & Katja Engelhardt über Literaturkritik

Katja Engelhardt (BR) und Marie Schmidt (DIE ZEIT) vertraten dabei (gewollt oder ungewollt) die Position der klassischen Literaturkritik, des Feuilletons (ich bin komplett unfähig, dieses Wort richtig zu schreiben, deswegen habe ich es in meinen Notizen auch sehr unleserlich geschrieben, damit meine Sitznachbarn nicht denken, ich wäre dumm ...), während Katrin Passig (Journalistin und Schriftstellerin) und Karla Paul (Verlegerin) für DAS INTERNET standen. In der Mitte saß der Moderator, Florian Kessler (Lektor), der trotz Neutralität in meinem Empfinden öfter versucht hat, Print vor dem bösen Internet zu schützen. 


Den Einstieg gab der gerade erst verstorbene Hellmuth Karasek, auch, wenn sich Florian Kessler eigentlich vom Tod fernhalten wollte - vom Tod der Literaturkritik. So sprach man anfangs noch recht freundlich darüber, dass es Literaturkritik für jede Sparte geben sollte, man bezeichnete Sascha Lobo als den Jan Böhmermann der Literatur (den dazugehörigen Artikel im Literatur-Spiegel habe ich  noch nicht gelesen. Was daran liegen könnte, dass ich den Literatur-Spiegel nicht gelesen habe. Kommt aber vielleicht noch) und stellte fest, dass die Rezension die heilige Kuh des Feuilletons ist. Doch im Laufe der Veranstaltung verließ man den Pfad der netten Plauderei und stieß auf die dunkle Seite der Literaturkritik - Literaturkritik will falsche Lektürevorlieben, falsche Lebensentwürfe ankreiden, so die Aussage auf der einen Seite. Die klassische Print-Literaturkritik brachte sich für mich in eine nicht nachvollziehbare Position, indem sie behauptete, Literaturkritik kann gar nicht auf Augenhöhe des Lesers schreiben. Wahrscheinlich will sie das gar nicht. Sie will auch keine "Hä?"-Kommentare unter ihren Artikeln lesen. Und dem Internet kann man ja auch keine klugen Texte zumuten. Dieses Internet mal wieder. Auch die Aussage, dass es objektiv bessere Bücher gibt, fand ich sehr schwammig, insbesondere, da keine Argumente aufgestellt werden konnten, was denn ein objektiv besseres Buch ausmacht. 

Mein Problem an dieser Position besteht im Grunde daraus, dass ich nicht verstehe, was objektiv bessere Bücher sein sollen und was die klassische Literaturkritik überhaupt will. Kaufanregungen geben ja angeblich nicht. Dass dann aber trotzdem fast nur Rezensionsexemplare besprochen werden, die die Verlage aber nicht aus Spaß und Nettigkeit verschicken, macht das ganze für mich sehr undurchsichtig. Können denn Journalisten, können Literaturkritiker neutral sein? Ist der Leser von der Straße in seinem Urteil über ein Buch nicht viel freier und objektiver als jemand, der stark in die Buchbranche involviert ist? 

Wobei sich diese Frage auch auf Buchblogger beziehen lässt. Kann man, wenn man gratis Rezensionsexemplare erhält, noch eine objektive Meinung über ein Buch äußern? Und ich möchte auch nicht behaupten, dass Buchblogs immer besser sind als die klassische Literaturkritik in der Zeitung (oder im Fernsehen. Gestern kam ja das neue Literarische Quartett - freundlicherweise hat das ZDF die Sendung gleich mal um 10 Minuten nach hinten verschoben, was vielleicht auch etwas über den Stellenwert dieser Sendung aussagt, aber das nur am Rande. Die dort gebotene Literaturkritik war mir persönlich zu schwubbelig und viel zu gehetzt, was am Format und dem engen Zeitplan liegen mag, vielleicht entspannt sich das im Laufe der Zeit noch. Wenn man Zeit dafür hat, vielleicht verschwindet das Quartett auch einfach wieder. Dann spiel ich einfach weiter "Das Literarische  Quartett" - Mit Geld gewinnt man immer!), bei Buchblogs, die jedem Buch 5 Sterne/Katzenaugen/Schmetterlingskothäufchen geben, versteh ich den Sinn auch nicht so ganz. Außerdem neigen Buchblogs (und da nehme ich mich persönlich gar nicht aus) sehr oberflächlich zu bleiben. Ich muss da selbst noch an mir arbeiten. Ich will nicht nur sagen, dass mir etwas gefallen/nicht gefallen hat, ich will auch sagen können, warum mir etwas gefallen/nicht gefallen hat.

Und nun - ihr. Was soll Literaturkritik in euren Augen schaffen? Welche Literaturkritik ist euch lieber - Print oder online, professionell oder die Masse? Gibt es objektiv bessere Bücher und was macht so ein Buch aus? Welche neue Punkte-Einheit sollte es unbedingt in Blogs geben? Und habt ihr das Literarische Quartett geguckt? 

Kommentare:

Michael hat gesagt…

Schöner Beitrag. Wobei ich zugeben muss, dass sich mir der tiefere Sinn dieser ganzen besser-schlechter-Diskussion zum Thema Literaturkritik ohnehin noch nicht erschlossen hat. Das Spektrum reicht von der 12-jährigen Bloggerin, die gerade voller Elan ihre ersten Rezensionen postet, bis zum alteingesessenen Literaturpapst, dessen Meinung in gewissen Kreisen Gesetz ist. Das ist wie Äpfel und Birnen.
Das Literarische Quartett ist da der perfekte Beleg. Dieses Format kann - egal wie man es gestaltet - immer nur einem Teil der Leser gefallen. Mit Büchern ist es nicht anders. Ich finde das schön. Lang lebe die Vielfalt - ganz besonders in der Literatur(kritik).

Liebe Grüße
Michael

fraupixel hat gesagt…

Das sind einige interessante Fragen, die du aufwirfst. Insgesamt wird sich die Frage nach der Daseinsberechtigung nie ausräumen lassen. Ich finde Gespräche über die Güte von Büchern nicht wichtig, um ein abschließendes Urteil über die Qualität vorzugeben. Das Gespräch ist das zentral interessante für mich und dass wir unseren Begriff des Guten, Schönen, Wahren immer neu reflektieren und neu ausloten müssen. Falls sich die Kulturszene auf klare Definitionen eines guten Buches einigen könnte (was wie wir wissen natürlich nie geschehen kann), wäre alle Literaturkritik hinfällig. Der Reiz des Streits, des Diskurses geht verloren weil es nur noch um mathematische Beweisführung geht gemäß "Kriterium a,b,c ist erfüllt - Roman gut q.e.d"
Das Problem ist, dass du vermutlich Recht hast: Jemand von der Straße ist freier in seinem Urteil. Kritiker stehen ständig selbst in der Kritik in der Frage nach ihrer Qualifikation. Wer kann schon urteilen was gute Literatur ist, wenn er noch nicht mal Autor x oder Autor y gelesen hat? Die Wahrheit, die viele Kulturstreber und Literatursnobisten lernen müssen: Jeder.

Marina hat gesagt…

Das ist richtig, Frau Pixel. Wahrscheinlich liegt das "Problem" auch wirklich an der Tatsache, dass jeder über Bücher sprechen kann. Es gibt kein allumfassendes Expertentum, weil ein solcher Experte wirklich jedes Buch gelesen haben müsste.
Was mich da auch ein wenig gestört hat, sind die zwei sich widersprechenden Aussagen, dass es auf der einen Seite objektiv bessere Bücher gibt, aber auf der anderen Seite widersprechen sich beispielsweise die Jury-Mitglieder in Klagenfurt immer - heißt das, beim Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnt nicht das objektiv beste Buch, weil ja nicht alle derselben Meinung sind?

fraupixel hat gesagt…

Ich denke, wir müssen uns vom Traum des "objektiv besten Buches" verabschieden irgendwie. Solange Lesen im eigenen Kopf statt findet, hat es auch mit Objektivität wenig zu tun. Und auch wenn das alle eigentlich wissen und auch die Kritiker viel mit Gefühl und subjektiven Assoziationen zum Buch argumentieren - trotzdem wollen alle die Bestätigung haben oder liefern, dass ihr Lesegeschmack beweisbar der bessere ist.
Was Klagenfurt angeht: Da liegt der Fokus ja stärker auf der Performance als sonst. Nicht nur der Text ist in der Kritik, sondern auch der Autor. Der Text wird in Anwesenheit des Autors zerfleischt. Sie müssen ihm in die Augen schauen und sagen, dass er Kacke schreibt. Da wird einem das dialogische an der Literaturkritik erst so richtig klar. Das Buch, das sich dort durchsetzt ist dann der Meinungs-Querschnitt, der Geschmacks-Konsens.
Erstaunlich wie Literaturkritik allein schon zum Diskurs führt. ^^ Rekursion, Baby!