Samstag, 24. Oktober 2015

Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel.


Originaltitel: Station Eleven - Aus dem Englischen von Wiebke Kuhn - Erschienen im Piper Verlag - 2015

Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer. 

Bevor ich diese Rezension beginne, möchte ich noch sagen, dass mir "Das Licht der letzten Tage" von Emily St. John Mandel (Extrapunkte für den Namen!) unheimlich gut gefallen hat. Ich habe ein wenig Angst, dass ich das nicht richtig vermitteln kann. Ich kann nämlich auch gut verstehen, wenn jemanden das Buch nicht gefällt. Oh. Und möglicherweise werde ich Handlungselemente erwähnen, die als Spoiler gelten. Nur als Vorwarnung.

Wir befinden uns in Toronto. Jeevan sieht sich eine Theatervorführung von König Lear an, als der Hauptdarsteller Arthur Leander auf der Bühne einen Herzinfakt erleidet und stirbt. Jeevan versucht ihn noch wiederzubeleben, aber erfolglos. Kirsten, eine Kinderschauspielerin muss von Jeevan getröstet werden. Clark, der beste Freund von Arthur ruft Miranda, eine der Ex-Frauen von Arthur, an, um sie über dessen Tod zu informieren. Alltägliche Geschehnisse, die ständig vorkommen. Und dann - dann bricht die Georgische Grippe aus und löscht innerhalb kürzester Zeit die Menschheit aus. 

So beginnt "Das Licht der letzten Tage" bzw. beginnt es eben nicht so, weswegen ich anfangs etwas verwirrt war. Aus irgendeinem Grund hatte ich eine Dystopie erwartet, die Theaterszene am Anfang passte da nicht ins Konzept. Aber nachdem ich mich von meinen Erwartungen gelöst habe, begegnete ich einer viel besseren Geschichte. Wie überlebt man einen Weltuntergang? Und dabei kommt Emily St. John Mandel ohne gewalttätige Apokalypse-The-Walking-Dead-Bilder aus. Mandel erzählt in leisen Tönen vom Fall der Menschheit und Alltag der Überlebenden. 

Es war vorbei mit dem Internet. Es war vorbei mit den sozialen Netzwerken, es war vorbei damit, sich durch Litaneien von Träumen und nervösen Hoffnungen und Essensfotos zu scrollen ... Es war vorbei damit, die Leben anderer zu lesen und zu kommentieren und sich dabei ein klein bisschen weniger einsam zu fühlen. Es war vorbei mit der Virtualität.

Das Besondere an "Das Licht der letzten Tage" ist aber nicht die Kulisse, in der es spielt, Endzeit-Geschichten gibt es schließlich viele, das Besondere für mich sind die vielen Verknüpfungen, die Mandel erschafft. Wir begleiten Jeevan, Kirsten, Clark und Miranda durch die untergegangene Welt und obwohl sich die vier prinzipiell gar nicht richtig kennen (und auch - je nach Kapitel - bis zu 20 Jahre vergangen sind), verbindet sie doch etwas - Arthur Leander. Arthur Leander, der  bereits im ersten Kapitel stirbt, ist das Bindeglied der Geschichte. Er erhält von Miranda die Comicbände "Station Eleven", die sie selbst gezeichnet hat (und die auch den englischen Originaltitel erklären) und schenkt diese Comics Kirsten, die noch 20 Jahre später auf der Suche nach Arthur ist. Clark sitzt zufällig mit einer weiteren Ex-Frau von Arthur im Flugzeug, als dieses irgendwo in den USA notlandet und sie unter Quarantäne gesetzt werden (die Flughafen-Szenen gefallen mir gar sehr). Dort gründet er nach einigen Jahren das Zivilisationsmuseum - zu welchem Kirsten mit der Fahrenden Symphonie aufbricht, nachdem sie vor dem Propheten flüchten müssen. Der Prophet, der aus dem Flughafen stammen soll und eine Frau anschießt, sodass Jeevan sie retten muss. 

Die Hölle ist die Abwesenheit von Menschen, nach denen man sich sehnt.
...
Wenn die Hölle die anderen Menschen sind, was ist dann eine Welt, in der fast überhaupt keine Menschen mehr leben?

Ein Buch voller sprachlicher Perlen, emotionalen Zusammenhängen und leisen Tönen vor einer gewaltigen Kulisse. Hut ab!

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