Dienstag, 10. März 2015

Das grüne Rollo von Heinrich Steinfest.

Originalausgabe - Erschienen beim Piper Verlag - März 2015 - Vielen lieben Dank für das Lesexemplar!

Theo ist gerade aufs Gymnasium gekommen, als es eines Nachts, um 23:02, mit einem Ratsch plötzlich da ist. Vor seinem Fenster bläht sich im Mondlicht ein grünes Rollo. Tagsüber verschwindet es, aber von nun an entrollt es sich jede Nacht um exakt dieselbe Zeit. Das ist unheimlich genug, und nicht nur, weil es in Theos Zuhause noch nie Rollos oder auch nur Vorhänge gab. Viel unheimlicher ist aber, dass es, wenn man genau hinschaut, Augen zu haben scheint ... Nein, keine Augen, Ferngläser. Aus dem Rollo blicken kleine Männer durch Feldstecher streng zu Theo herüber. Theo ist sich sicher, dass dort, auf der anderen Seite des Rollos, eine eigene Welt existiert. Eine grünliche Welt. Nach schlaflosen Nächten fasst er sich ein Herz und beschließt, in jene andere Sphäre hinüberzusteigen ... Vierzig Jahre später hat Theo das alles als eine Kindheitsfantasterei abgetan. Bis es plötzlich wieder da ist - das grüne Rollo.

Uff! 288 Seiten und acht Eselsohren, die bemerkenswerte Stellen markieren sollen, wobei ich mich beim Knicken der Seiten sehr zurückgehalten habe, denn eigentlich müsste ich jede Seite knicken. Das ganze Buch knicken. Aber im allerbesten Wortsinne. Schon bei meinem letzten Steinfest, der mein erster Steinfest war, war ich beim Lesen und nach dem Lesen sehr begeistert. Und jetzt? Jetzt möchte ich wild mit den Armen fuchteln und rufen: "Lest dieses Buch, denn es ist sehr gut!". Vielleicht sogar einen Zentimeter besser als "Der Allesforscher".

Das Buch besteht aus drei Teilen, weswegen der erste Teil auch "Das grüne Rollo - Der erste von zwei, womöglich drei Teilen" heißt. Und dieser erste Teil fordert den Leser (also mich) ein wenig, weil er sich immer haarscharf an der Grenze zum Kinderbuch bewegt, denn schließlich ist da ein zehnjähriger Junge, ein Junge, der auch teilweise nervig besserwisserisch ist, und dieser Junge fällt durch ein Rollo (darf ich an dieser Stelle kurz sagen, dass mich der Titel des Buches sehr fertig macht, weil das für mich "Der grüne Rollo" heißt? Rollo als Abkürzung für Rollladen und der Rollladen ist doch grammatikalisch männlich) in eine andere Welt - dargestellt durch eine veränderte Schriftfarbe. Grün nämlich. Alle Menschen, die jetzt nicht an "Die unendliche Geschichte" denken, gehen nun bitte erst einmal raus auf den Balkon und denken darüber nach, was sie falsch gemacht haben, danke. 
In dieser grünen Welt  trifft er auf ein Mädchen, welches auf einem Laufband festgehalten wird. 

Es war das erste Mal, daß ich ein Mädchen nicht nur als Angehörige einer Spezies betrachtete, die nicht oder selten oder falsch mit Lego spielte und für die der Tratsch die alleinige Informationsquelle war. 

Er, also Theo, denn so heißt der Junge, rettet das Mädchen und versucht gemeinsam mit ihr durch ein anderes grünes Rollo zurück in seine Welt zu gelangen. Was nur so halb klappt. Bei ihm klappt es. Beim Mäddchen nicht. Das Rollo erscheint aber glücklicherweise in jeder Nacht und so begibt sich Theo wieder nach Greenland, um das Mädchen zu retten. Und sucht - durch einen Hinweis des Mädchens - die Mutter. Die er, mithilfe eines LKW-Fahrers auch findet. Genauso wie das Mädchen. In einem Schwimmbad. Und hier - Lebensweisheit gratis:

Und sind wir doch ehrlich, eine Badehose ist doch auch nur eine etwas wassertauglicherere Unterhose.

Genauso wie bereits beim Laufband, muss Theo das Mädchen retten. Und genauso wie beim Laufband, stehen da diese Männer mit den Fernrohren herum. Anscheinend sorgen sie dafür, dass das Mädchen immer wieder gefangen genommen wird. Aber warum? Theo weiß es nicht. Doch wieder glückt die Rettung und dieses Mal glückt auch die Flucht der Beiden durch das Rollo. In Theos Welt angekommen, integriert sich Anna - das Mädchen - sofort in die Familie. Sie ist Theos jüngere Schwester und niemand stellt das in Frage, denn das war schließlich schon immer so. Nur Theo, Theo wundert sich. Und überlegt, ob er sich die ganze Geschichte mit dem grünen Rollo nur eingebildet hat. Kinderfantasien und so. 

Vierzig Jahre später. Teil 2 beginnt und Theo ist Astronaut. Und fliegt zum Mars. Ich jubiliere einmal  kurz, weil schon wieder eine Mars-Mission in einem Buch eine Rolle spielt. Wir befinden uns nun also im Jahre 2050 und Astronaut sein ist gar nicht mal so etwas  besonderes. Technisch hat sich die Menschheit  weiterentwickelt:

Auch wenn neuerdings ein Verfahren existierte, bei dem man ganze Bücher in seinem Hirn speichern konnte, ohne sie selbst gelesen zu haben. Instant-Booking hieß das. 

Theo März fliegt also in einem sehr modernen Raumschiff (mit Bar!) zum Mars. Und dort dann begegnet ihm plötzlich wieder das grüne Rollo. Aus dem Nichts taucht es auf und Theo landet wieder in der grünen Welt, wieder sucht er seine Schwester Anna und wieder versucht er sie zu retten. 
Was nun folgt, ist Teil 3 des Buches und mit Teil 3 ändert sich plötzlich alles. Weswegen ich nun nicht weiß, ob ich wirklich schreiben soll, was in Teil 3 passiert. Eigentlich nicht. Eigentlich war das der Punkt, an dem ich dem Buch all die haarscharfen Grenzberührungen mit nervigen Kinderbüchern verziehen habe. 

Wieder hat Heinrich Steinfest es geschafft, skurille Geschehnisse komplett alltagstauglich in eine Geschichte zu packen. Wieder hat Heinrich Steinfest es geschafft, mit unfassbar schönen Sätzen, mein Herz zu erfreuen. Ich liebe Klammersätze! Und es hätte ruhig noch mehr Fußnoten geben können. Auf solche Spielereien stehe ich total. Genauso wie ich den Schriftfarbenwechsel grandios finde. Weil er so passend ist. 

Nun muss ich also auf jeden Fall demnächst noch das dritte Steinfest-Buch lesen, welches im Regal steht "Das himmlische Kind". Und vielleicht trau ich mich eines Tages auch an die Krimis von Heinrich Steinfest ran. Denn ich glaube, hier entwickelt sich gerade eine neue Lieblingsschriftstellerleidenschaft. Und ihr seid live dabei! Wie aufregend! 

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