Samstag, 18. Juni 2016

Nachlese – Saša Stanišić im Literaturhaus München.

Herz, schweig still! Sonst verschrecken wir die Menschen vor lauter Glücksseligkeit. Denn der gestrige Abend im Literaturhaus München war ein Freudenfest. Saša Stanišić war zu Gast und die Fangirl-Front versammelte sich. 

Pro-Tipp: Wenn man etwas bei Twitter schreibt, lesen das auch Menschen, man sollte sich also darauf gefasst machen, dass man im real life darauf angesprochen wird (means, es gibt Menschen, die einen wiedererkennen und dann lachen müssen). 

So gesehen am gestrigen Abend. Aufgrund dieses Twitter-Dialoges packte ich voller Vorfreude meine Ausgabe vom "Fallensteller" ein. Die Stelle hatte ich ja schon extra im Buch markiert. Und nun ist die Stelle auch höchstpersönlich vom Autor korrigiert worden. Mein Fangirl-Herz explodierte vor Freude. Und vor Scham, denn ich möchte lieber nicht wissen, was die ganzen anderen Menschen dachten, was wir da beim Signieren gerade machen. Das hat schließlich hundert Jahre gedauert. Oder so ähnlich. Die exklusive Marina-Ausgabe ist nun auch unverkäuflich, aber ich hätte die eh niemals nie bei eBay zum Kauf angeboten. Wer weiß, ob ich die überhaupt vererben möchte, vielleicht haben meine Erben keinen Sinn für den Sprachzauberer (alle Zeitungen schreiben das. Dann schreib ich das auch. Obwohl es in meiner Rezension "Sprachdompteur" hieß, aber ich passe mich da gerne dem Duktus an) Stanišić. Aber dann werden sie eh enterbt und ich nehm das Buch mit ins Grab! 

So viel also zum interaktiven Teil mit dem Autor. Die herzensgute Tina hat den Spaß auch für die Nachwelt festgehalten. Kommen wir zur Lesung selbst. 


Die Lesung teilte sich in drei Leseabschnitte auf, zwischendurch gab es Gespräche mit dem Moderator Jörg Magenau (der auch schon bei der Lesung von Martin Walser moderiert hat, woran ich mich sofort wieder erinnert habe.) Gelesen wurde "Georg Horvath ist verstimmt", "Die Fabrik" sowie auszugsweise "Fallensteller".

Bei allen Geschichten mit Georg Horvath war ich beim Lesen etwas skeptisch, weil ich den alten Mann nicht ganz so viel abgewinnen konnte, bei der Lesung hingegen fand ich alles sehr großartig, weil Saša Stanišić wahnsinnig mitreißend lesen kann. Es wirkte auch weniger wie lesen, es wirkte wie Anekdoten erzählen. Deswegen steht da auch im Notizbuch "körperlich lesen", ein hingeschludeter Gedanke, der festhalten sollte, dass Stanišić den Text lebendig macht. Auf jeden Fall ist es ein großer Spaß ihm beim Lesen zuzusehen. 

Bei der zweiten Geschichte "Die Fabrik" dachte ich erst, dass sie nicht so richtig zur Lesung passt, denn im Gegensatz zu "Georg Horvath ist verstimmt", wo das Publikum immer wieder laut lachen musste, ist "Die Fabrik" doch eher eine ruhige, ernste Geschichte. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass gerade dieser Kontrast sehr großartig war, damit hier niemand denkt, Stanišić wäre Klamauk. Ist er nicht. Wirklich nicht. 

Und schließlich, als Abschluss – "Fallensteller". Heim nach Fürstenfelde. Jetzt möchte ich erst recht in die Uckermark fahren, denn in Fürstenfelde gibt es wohl "Vor dem Fest"-Führungen. Saša Stanišić war mal bei einer dabei und vergnügte sich wohl sehr. Disneyland ist mir hier eingefallen.

"Fallensteller", also. Großer Spaß, weil es in der Geschichte (wenn ich das richtig verstanden habe, findet Saša Stanišić den Begriff "Geschichte" besser als "Erzählung") eine Episode gibt, bei der Lada einen Literaturpreis bekommt und dafür nach Hamburg fährt. Also, jedenfalls macht er das im Buch so. In der Lesung fuhr er nach München und trug einen Pullunder. Irritationsmoment. Großes Kino. 

Zusammenfassung: Saša Stanišić beweist bei seinen Lesungen, was seine Bücher so großartig macht – er zieht einen direkt in seinen Bann, verzaubert mit Worten, zieht ein Kaninchen aus dem Zylinder und sorgt dafür, dass man sich sofort wieder in seinem Sätzelabyrinth verirren will.

Denn am Ende wissen wir alle nicht, wo wir sind. Where are you? 

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