Montag, 30. Januar 2017

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara.


Originaltitel: A Little Life - Aus dem Englischen von Stephan Kleiner - Erschienen bei Hanser Berlin - 2016


"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern, die sich am College kennengelernt haben. Der brillanteste und charismatischste von ihnen ist Jude St. Francis, ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Wie in ein scharzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist eine Geschichte von Freundschaft als wahre Liebe – ein mit kaum fasslicher Dringlichkeit und Schönheit erzähltes Epos, das sich an du dunkelsten Orte begibt, an die Literatur sich wagen kann, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

"Sie werden über dieses Buch sprechen wollen." – So wirbt Hanser Berlin für "Ein wenig Leben". Und oh ja. Noch nie habe ich einen so wahren Werbespruch gehört (abgesehen von "Dafür stehe ich mit meinem Namen."). Ich MÖCHTE über dieses Buch sprechen, denn über dieses Buch muss man sprechen, sonst zieht es einen sehr tief nach unten. 

Gelesen habe ich "Ein wenig Leben" schon vor über zwei Wochen. Und so im Nachhinein ist es doch ganz gut, dass ich nicht direkt eine Rezension geschrieben habe. Denn zuerst fehlten mir die Worte für dieses aufwühlende, emotionale, anstrengende und fordernde Buch. Mit ein bisschen Abstand und Reflexion sollte es jetzt aber besser gelingen, diese Sprachlosigkeit in Worte zu fassen. 

Beginnen wir diese Annäherung an "Ein wenig Leben" von außen nach innen. Das Cover. Der erste Eindruck ist eher ein "Hm, was soll das denn?". Begeisterung sieht anders aus. Und diese Hürde, die sich das Buch hier selbst aufstellt, muss erst einmal überwunden werden. Hanya Yanagihara sagt selbst, dass das Foto (Peter Hujars Fotografie »Orgasmic Man«) "übergriffig [...], zu intim, zu herausfordernd" ist. Und damit passt es während und nach der Lektüre einfach fabelhaft zum Text. Chapeau also an den Verlag (sowohl an amerikanischen als auch an den deutschen), dass man sich doch für genau dieses Bild entschieden hat. Manchmal muss man den Leser etwas abschrecken, um die richtige Stimmung für das Buch zu schaffen.

Eigentlich möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel über den Inhalt sprechen. Nicht, weil ich niemanden spoilern möchte, die Geschichte von "Ein wenig Leben" ist keine Geschichte, bei der Spoiler ausschlaggebend wären. Das Problem ist eher – wo anfangen? Wie fasst man ein Mammut-Werkt von 958 Seiten zusammen, wenn sich die wirklichen Emotionen, das wirkliche Leid im Kopf des Lesers abspielen?

Wir haben also vier Freunde. Malcolm, JB, Willem und Jude St. Francis. Sie lernen sich im College kennen, aus der Jugendfreundschaft wird ein Band, welches die nächsten 30, 40 Jahre nicht abbricht. Die vier sind eine Einheit, so verschieden sie auch sind, so unterschiedlich ihre Lebensentwürfe auch sein mögen. Malcolm ist Architekt und versucht krampfhaft die Checkliste eines normalen erwachsenen Lebens zu erfüllen - Haus, Frau, Kind. JB ist Künstler, der den Weg zum großen Ruhm sucht, Willem Schauspieler, der nicht fassen kann, dass er plötzlich Erfolg hat und Jude ist Rechtsanwalt mit der wohl dunkelsten Vergangenheit und einer Krankheit, die ihn im Verlauf der Geschichte immer mehr einschränkt. 

Anfangs war ich begeistert, wie viel Zeit sich die Autorin nimmt, jeden der vier Freunde genauer zu beleuchten. So konnte man sich wirklich ein Bild der Beziehung der vier Männer machen. Im Laufe der Geschichte rücken dann aber Willem und Jude als Hauptdarsteller in den Mittelpunkt, was einerseits verständlich, aber andererseits auch schade ist, weil ich gerade Malcolm, den "normalen" Typen in dieser Vierer-Konstellation interessant fand, er aber immer mehr in den Hintergrund gerückt wird.

Der Fokus bei "Ein wenig Leben" ist auf Willem und Jude gerichtet. Willem, ein Mann, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und sich von seiner Familie abgewendet hat, um ein anderes Leben führen zu können. Jude hingegen hatte nie eine Familie, er ist im Kloster aufgewachsen und auf Irrwegen im College gelandet, seine Vergangenheit bleibt selbst für seine engsten Freunde ein Buch mit sieben Siegeln. Erst im Verlauf der Geschichte öffnet sich Jude Willem und lässt ihn einen Blick auf all die Schrecken werfen, die er erleiden musste. 

Hanya Yanagihara gelingt es, in einem relativ nüchternen Ton die großen Gefühle des menschlichen Lebens zu beschreiben. Liebe, Hass, Angst, Wut, Ekel, Freude, Trauer – all das vermischt sich zu einer intensiven Charakterstudie. 

"Ein wenig Leben" ist anstrengend und fordernd den Leser, sich auch mit sehr erschreckenden Themen auseinanderzusetzen. Für mich persönlich am schwierigsten waren die sehr detaillierten und ausufernden Beschreibungen zu Judes selbstverletztendem Verhalten. Ich bin da vielleicht auch etwas empfindlich, aber bei den Szenen musste ich regelmäßig das Buch kurz weglegen, weil mir wirklich schlecht wurde.

Was aber irgendwie auch für Hanya Yanagihara spricht. Sie zwingt dem Leser die dunkelsten Seiten ihrer Protagonisten auf und schafft so eine Intimität, die dafür sorgt, dass man sich emotional an die Protagonisten bindet. 

Ein schwieriges Buch bleibt "Ein wenig Leben" trotzdem. Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch mochte. Ich kann das Buch niemanden guten Gewissens empfehlen. Aber lesenswert ist es allemal.

Habt ihr "Ein wenig Leben" schon gelesen oder es noch vor? Wie erging es euch bei der Lektüre? 

Kommentare:

Fantasie und Traeumerei hat gesagt…

Hey,

ich ringe gerade sehr mit mir. Auf der einen Seite denke ich, dass ich mir einen über 900 Seiten starker Roman, den ja doch etliche Leser weiterempfehlen, nicht entgehen lassen sollte, auf der anderen Seite, habe ich auch ein bisschen Angst vor den aufreibenden Szenen. Seit ich Mutter bin, bin ich sehr empfindlich. Wobei mich selbstverletzendes Verhalten nicht so sehr schockiert. Da bin ich von der Arbeit einiges gewöhnt (Rasierklingen schlucken, etc.), aber ich befürchte es ist von noch schlimmeren Dingen die Rede.

Liebe Grüße,
Nanni

Makaleiska hat gesagt…

Liegt bei mir schon seit November auf dem "Zu-lesen-Stapel". Noch hatte ich allerdings nicht die Muse, damit zu beginnen. Ich fürchte ein klein wenig muss es sich noch gedulden. Doch deine Rezension hat mir einen weiteren Anstoß in die richtige Richtung gegeben. Lieben Dank dafür!

Marina hat gesagt…

Hey Nanni,
ja, "Ein wenig Leben" nimmt in der Hinsicht kein Blatt vor den Mund und all die großen und kleinen Grausamkeiten mit, die man sich vorstellen kann. Aber Literatur soll einen ja auch aus der Komfort-Zone rausholen und das macht das Buch auf jeden Fall sehr gründlich.

Marina hat gesagt…

Sind ja auch 900 Seiten, die liest man nicht einfach so schnell weg ;)