Montag, 1. Mai 2017

Vier Gründe für "Walter Nowak bleibt liegen" von Julia Wolf.


Originalausgabe - Erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt - 2017 - Vielen herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar! 

Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder. Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Seine Gedanken ziehen immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende ... Als das Hitzegewitter endlich losbricht, steht plötzlich sein Sohn Felix vor der Tür

Julia Wolf hat mich bereits mit ihrem Debütroman "Alles ist jetzt" in Hochstimmung versetzt, auch wenn "Hochstimmung" nicht zum Inhalt des Buches passt. Aber ihr wisst, was ich meine. Nun also das zweite Buch von ihr. Dieses Mal ist alles anders. Oder auch nicht. Der Protagonist: ein älterer Mann, der in seiner Ruhezeit keine Ruhe findet und auf den Aufbruch wartet. Die Orte: Ein Schwimmbad, ein Badezimmer, die Vergangenheit. Wieso das eine gar großartige Kombination ist und wieso es Julia Wolf schon wieder geschafft hat, hochstimmige Gefühle bei mir freizusetzen, erklären die folgenden vier Gründe, warum man "Walter Nowak bleibt liegen" lesen sollte. Denn eines darf schon vorweggenommen werden: Mit einem eigenwilligen Stil und der Liebe zum Detail schleicht sich auch das zweite Buch von Julia Wolf in mein Herz.

1. Walter Nowak
Bei älteren, männlichen Protagonisten bin ich manchmal etwas skeptisch (Danke Philip Roth!), doch bei Julia Wolf wird nicht unangenehm gegrantelt, die eigene Jugend glorifiziert und das Sexualleben ausführlichst besprochen. Stattdessen dringt man tief in die Gedankenfetzen eines abgelebten Mannes, der viel erreicht hat und doch mit wenig handfesten Dingen da steht. Oder eher liegt. Auf dem Badezimmerboden liegend sinnt Walter Nowak über die Vergangenheit als unehliches Kind, seinen beruflichen Erfolg, seinen familiären Misserfolg nach und kommt dabei vom Hundertste ins Tausendste, was für den Leser doch manchmal verwirrend, auf der anderen Seite aber eine großartige Nachbildung vom menschlichen Denken ist.

2. Das Schwimmbad
Oh, das Schwimmbad. Mit Wasser kriegt man mich literarisch ja immer, auch wenn es nur Chlorwasser ist, da bin ich nicht so. In die Beschreibungen, wie Walter Nowak seine Bahnen im Schwimmbad zieht, würde ich am liebsten eintauchen (ha, Wasserassoziation! Voll gutes Stilmittel!). Außerdem hat der Walter ja sowas von Recht. Nie kann man in Ruhe Bahnen schwimmen! Immer stören andere Badegäste.

3. Die Frauen
Die Schwimmbad-Frau, die Ex-Frau, Yvonne, Walters Mutter – alle Frauenfiguren in "Walter Nowak" glänzen durch Passivität, Abwesenheit (gut, die Schwimmbad-Frau rettet Walter das Leben, aber danach wird sie zu einer Projektionsfläche, zu einem Objekt) und nehmen doch den größten Teil von Walters Gedanken ein. Manchmal muss man einfach die Ex-Frau anrufen, um ein Rezept für einen, nein, DEN Wildschweinbraten zu erfragen. Jede Frau in Walters Leben bleibt grau und doch schafft es Julia Wolf jeder Glanz zu verleihen.

4. Der Schreibstil
Obwohl Walter Nowak auf dem Badezimmerboden liegt, steht ihm und dem Leser doch die ganze Welt offen. Wir reisen in Walters Kindheit und zu einer Mutter, die schwer verliebt ist in Elvis, sodass sich Klein-Walter einredet, Elvis wäre sein unbekannter Vater. Und wir besuchen Elvis ehemaliges Anwesen Graceland, welches Walter mit seinem Sohn besucht, um ihm die Familiengeschichte zu vermitteln. Wir fahren zu Walters ehemaliger Firma, die er aufgebaut, verkauft und doch nie verlassen hat. Walters Gedanken springen dabei von einer Ecke zur anderen, als Leser steht man manchmal kurz davor den Faden in diesem Gedankenknäuel zu verlieren, doch Julia Wolf zieht dann die Rettungsleine und bringt einen zurück in sicheres Gewässer. Ein großartiges Spiel, in welchem man sich gerne verliert und verfängt.

Ich war und bin begeistert und freue mich schon gar sehr, hoffentlich bald ein weiteres Buch von Julia Wolf lesen zu können.

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