Sonntag, 24. August 2014

Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész

Um zu beweisen, dass ich nicht nur Quatschbücher über Sex lese, ist es sinnvoll die beiden Bücher, die jeweils vor und nach dem Haus der Löcher gelesen wurden, zu erwähnen. Beide eint nicht nur die Klammerrolle, mit der sie meine Buchausrutscher verdecken, sondern auch das Thema. Judenverfolgung im Dritten Reich.

(Ja. Ich gleiche Quatschbücher natürlich mit dem richtigen harten Stoff aus)


Begonnen hat es mit Imre Kertész. Roman eines Schicksallosen. Ich habe mich noch nie so sehr über die unfassbare Naivität eines Protagonisten geärgert wie bei diesem Buch (Am Ende des Buches sagt ein Journalist einen Satz, den ich die ganze Zeit davor quasi  im Kopf hatte: "Lieber Junge", rief er da, wobei er, wie mir schien, doch langsam die Geduld verlor, "warum sagst du bei allem, es sei natürlich, und immer bei Dingen, die es überhaupt nicht sind!"). 
Und trotzdem fällt mein Gesamturteil sehr positiv aus. Weil ich im Laufe des Buches erkannt habe, dass der Erzähler den Alltag in den Konzentrationslagern nur ertragen kann, weil er ihn banalisiert.
Vielleicht hinkt der Vergleich auch, aber - so wie "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" kein Krebsbuch sein soll, so ist "Roman eines Schicksallosen" kein KZ-Buch. Die Konzentrationslager stehen nicht im Mittelpunkt, der Erzähler beschränkt sich nicht auf die Auflistung bekannter Gräueltaten, sondern schildert den Alltag in einem KZ und nimmt es dadurch ernst, beschäftigt sich damit und lässt es nicht zu etwas Außergewöhnlichem verkommen, mit dem man sich eben nicht mehr beschäftigen muss. 

Es war nicht mein Schicksal, aber ich habe es durchlebt.

Interessant finde ich, dass der Name des Protagonisten nur sehr selten genannt wird und er dadurch weniger fassbar, austauschbar, wie eine Nummer erscheint. 
Und mein Problem mit dem naiven Erzähler ändert sich zum Schluss des Buches auch, bei seiner Heimkehr ist nicht er der naive Junge, sondern alle anderen stellen sich dumm, wissen von nichts, verstehen nichts von dem, was er sagt. Was sehr traurig ist, so ist durch die Verständnislosigkeit keine echte Heimkehr möglich.

Es war die gewisse Stunde – selbst jetzt, selbst hier erkannte ich sie –, die mir liebste Stunde im Lager, und ein schneidendes, schmerzliches, vergebliches Gefühl ergriff mich: Heimweh.

Ich denke, Imre Kertész ist auf jeden Fall ein Autor, von dem ich noch mehr Bücher lesen möchte, weil er den Leser packt, ohne künstliche Spannung zu erzeugen, weil er den Leser betroffen macht, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, weil er den Leser als Menschen ernst nimmt, so wie er seine Protagonisten und deren Schicksal ernst nimmt.

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