Donnerstag, 26. Februar 2015

Cornelia erlebt Oberammergau von Elisabeth Dreisbach. Noch einmal.


Na, konntet ihr die Nacht durchschlafen? Oder habt ihr (auch) voller Spannung eure Fingernägel abgeknabbert, weil ihr unbedingt erfahren wollt, wann Cornelia endlich was in Oberammergau erlebt? Oder wurde hier bereits in den 50er Jahren Namedropping betrieben und Cornelia bleibt weiter im Stuttgart-Schwarzwald-Bodensee-Dreieck? Bald werden wir es erfahren!


Cornelias Mutter und Herbert wollten Cornelia vom Bahnhof abholen, aber Cornelia war dort gar nicht, Cornelia war ja mit dem Schuft Harry Periot unterwegs. Die Mutter sitzt die ganze Nacht im Wohnzimmer und macht sich Sorgen. Oh weh, was ist da nur bei der Erziehung der Tochter schiefgelaufen? Sie war doch immer so ein liebes Mädchen.

Eine Anzahl netter, kleiner Kinderepisoden aus Cornelias ersten Lebensjahren stiegen plötzlich in ihr auf. Einmal hatte ein kleines Mädchen im Kindergarten Cornelia beschimpft und ihr vorgeworfen, sie sei schadenfroh. Da hatte diese erstaunt gefragt: "Schadenfroh? Was ist denn das?" Worauf die andere boshaft rief: "Das weißt du nicht? Dann bist du auch noch dumm dazu. Jeder weiß doch, was schadenfroh ist." Cornelia aber hatte ernsthaft das Köpfchen geschüttelt: "Nein, bei uns zu Hause gibt es so etwas nicht."

Cornelia kommt schließlich doch noch nach Hause und schämt sich sehr. Die Mutter ist erst böse, weil die Tochter sie belogen hat, aber sie versteht auch, dass Cornelia Freiräume braucht. Außerdem kann man ja gemeinsam beten. Doch das will Cornelia nicht.

Traurig blickte Frau Kronhaupt ihrer Tochter nach. Sollte es über Cornelia erst noch dunkler werden müssen? War Gottes Stunde für sie noch nicht gekommen?

Ich hab ein wenig Angst vor "Gottes Stunde", ich dachte, so sagt man, wenn jemand stirbt. Wer auf metaphorischer Ebene stirbt, ist nun Harry Periot, mit dem will Cornelia nämlich nichts mehr zu tun haben. Und das sagt sie ihm auch. Jawohl.
Peter ist wieder gesund, die familiäre Lage entspannt sich etwas, auch wenn Cornelia immer noch etwas mürrisch ist. In der Zwischenzeit erreichen sie weitere Briefe ihrer Freundinnen, die alle in ihren Ferien emotional gereift sind. Die Schule beginnt und Cornelia freundet sich mit einem Mädchen an, welches keinen guten Ruf hat. Oho. Das färbt auch auf Cornelia ab.

"Also stelle dir unser Hausmütterchen Cornelia Kronhaupt vor mit knallroten Lippen, ganz  modernem, kurzgeschnittenem Bubikopf, und letzthin sah ich sie bei Sopkes am Fenster stehen und - wie Lieselotte - eine Zigarette rauchend!"

Die alten Freundinnen sind ganz schockiert, die Mutter auch, aber - wie schon einmal - kann die Patentante hier helfen. Die hat nämlich Geburtstag und lädt Cornelia zu sich ein und dann machen sie eine Tour durchs Krankenhaus, besuchen eine frischgebackene Zwillingsfamilie, eine Frau, die ihr Kind nach der Geburt nicht sehen mag, eine Frau, deren Kind bei der Geburt gestorben ist (und all diese Frauen liegen in einem Zimmer, wie praktisch) und schlussendlich auch die geschlossene Anstalt, in welcher sich Frauen befinden, die geschlechtskrank sind. Emotional verstört, beschließt Cornelia, nicht mehr bockig und zickig zu sein. Und weil sie so ein artiges Mädchen ist, lädt ihre Tante sie zu einer dreiwöchigen Fahrt nach ...

....

OBERAMMERGAU ein! Ja! Auf Seite 119 von 160 fällt endlich zum ersten Mal das Wort "Oberammergau". Ich hab die Spannung gar nicht mehr ausgehalten. Jetzt erst einmal ruhig durchatmen. Wer weiß, vielleicht fahren sie wirklich dort hin und das Buch hätte berechtigterweise "Oberammergau" im Titel stehen. 

Kritische Menschen werden sich jetzt fragen, wie Cornelia denn bitte für drei Wochen nach Oberammergau fahren kann, schließlich muss sie in die Schule und den Haushalt schmeißen. Aber, da hat die Autorin mitgedacht!

"Keine Sorge, ich habe bereits mit deinem Direktor darüber gesprochen. Du bekommst drei Wochen Sonderurlaub, weil du während der großen Ferien keine Möglichkeit hattest, dich auszuruhen."

So macht man das nämlich. Falls ihr also das nächste Mal in euren Ferien nicht zur Ruhe kommt, wendet euch an den Direktor eurer Schule, da kann man sicherlich was machen. Ich denke auch, dass sich das aufs Berufsleben übertragen lässt. 
Die unzuverlässige Verwandte, die beim Schwarzwaldurlaub schon meinte, dass sie vorbeikommt, verspricht dieses mal wieder, dass sie vorbeikommt, was dieses Mal sogar wirklich geschieht. Das heißt - Cornelia und ihre Patentante fahren wirklich nach OBERAMMERGAU!
Oh, ich hab noch gar nicht verraten, warum sie nach OBERAMMERGAU fahren. Wegen den Passionsspielen. In meiner Vorstellung gucken die jetzt drei Wochen lang Passionsspiele in OBERAMMERGAU (gut, gut. Ich lass das jetzt). Machen sie dann aber gar nicht, aber dazu gleich mehr.
Viel schöner ist nämlich ein kleines Detail der Zugfahrt von Stuttgart nach Oberammergau:

Und dann die Fahrt im Schnellzug. Wie lange war es her, dass Cornelia keine Reise mehr gemacht hatte. Ob wohl einer der Reisenden dieses Stillsitzendürfen, dieses Ausruhenkönnen so genoß wie sie? [Anmerkung von mir: Nein] Schön war die Fahrt durch den spätsommerlichen Morgen. In München hatte man Aufenthalt. Tante Gabriele, die in fast übermütiger Fröhlichkeit war, setzte sich mit ihrer Nichte in das Bahnhofsrestaurant und bestellte ein gutes Mittagessen.

Als Münchenwohnerin und neuzeitlicher Mensch musste ich hier sofort an den Burger-King am Münchner Hauptbahnhof denken, aber das nur am Rande.
Unsere beiden fröhlichen Reisenden kommen in Oberammergau an, die Tante hat gar kein Zimmer gebucht (und auch keine Tickets für die Passionsspiele ...), da kommen ja schließlich nicht jeden Tag tausende Menschen hin, da kann man sowas schon mal spontan machen, aber wie es der Zufall will, kriegen sie doch noch ein Zimmer. Die Autorin übt durch Tante Gabriele leise Kritik an der Kommerzialisierung der Passionsspiele, welche aber durch die Hauswirtin relativ schnell beseitigt wird. Cornelia und Gabriele laufen durch die Stadt, sehen das Passionsspielhaus, aus welchem gerade ganz viele Menschen strömen, weil das Stück gerade zu Ende ist.

Auf den Gesichtern der meisten Besucher zeigte sich gesammelter Ernst. Vielen, selbst Männern, sah man an, dass sie vor Ergriffenheit geweint hatten.

Jetzt will ich auch einmal zu den Passionsspielen nach Oberammergau. Meine Recherchen ergaben, dass das das nächste Mal 2020 stattfinden wird. 
Die Familie, bei der Cornelia und ihre Tante wohnen, besteht aus Vater (Holzschnitzer), Mutter und Sohn (beide spielen auch bei den Passionsspielen mit) und der Schwester des Vaters, die ist herzkrank, Geigenspielerin und kann auch schnitzen (der Klappentext behauptet übrigens, dass Andrea gelähmt wäre. Ist sie aber gar nicht!). Das Mädchen heißt Andrea und ist in Cornelias Alter, weswegen sich die beiden anfreunden und sie oft den Tag zusammen verbringen. Sie reden über dies und das, ihre Familien und Oberammergau. Auch Tante Gabriele hat was zu sagen:

"Ich habe mich in den Tagen unseres Hierseins oft gefragt, wie es kommt, dass es hier in Oberammergau so viele auffallend schöne und ansprechende Menschen gibt, selbst unter der einfachen Bevölkerung. ich glaube, dass ich des Rätsels Lösung jetzt gefunden habe." [Anmerkung von mir: Inzest?]

Die wirkliche Lösung ist natürlich die Beschäftigung mit den Passionsspielen, die Gläubigkeit und weil die alle so schön Holzschnitzen können.

Am letzten Tag der Passionsspiele sehen sich Cornelia, ihre Tante Gabriele und Andrea die Vorführung auch mal an. Wenn man schon mal in der Gegend ist und so. Auf Andrea muss man nur ein bisschen aufpassen, die ist ja herzkrank und musste schon mal eine Vorführung vor zwei Wochen verlassen, weil sie so ergriffen war und ihr schwaches Herz das fast nicht mitgemacht hätte. 
Jetzt folgen acht Seiten voll emotionaler Schilderung, wie emotional und toll und emotional und bewegend und emotional die Passionsspiele doch sind. Jesus eben. Cornelia zieht Vergleiche zwischen sich und Petrus, beide hatten sie doch Jesus verleugnet. Cornelia will wieder auf den rechten Pfad der Tugend zurückkehren (was genau sie schlimmes gemacht hat, hab ich immer noch nicht verstanden). Die herzkranke Andrea bricht während der Vorstellung zusammen, wird von Ordnern rausgetragen, aber:

"Bitte, bleiben Sie hier, damit keine weitere Störung verursacht wird."

Als Cornelia und ihre Tante nach der Vorführung ergriffen ins Ferienhaus zurückkehren, liegt Andrea im Sterben. Und stirbt dann. Oder, wie es im Buch steht:

"Und während er spielte [Anmerkung von mir: Ihr Bruder spielt Geige], wurde die Seele Andreas heimgerufen."

Eigentlich wollten Cornelia und ihre Patentante noch eine Woche in Oberammergau bleiben, aber Cornelias Brüder schreiben ihr einen Brief, dass sie sie vermissen und sie soll doch bitte bald wiederkommen und das macht Cornelia dann auch.

"Gleich morgen mit dem ersten Zug will ich fahren. Sie brauchen mich nötig daheim. Und ich will jetzt wieder gerne Mutters Aschenbrödel sein. Aber ehe ich fahre, will ich noch ein paar Blumen auf Andreas Grab legen."

Ende.
Ja. Wirklich. Das sind die letzten Worte von "Cornelia erlebt Oberammergau". Ich bin sehr verstört. Warum genau ist es jetzt wieder okay das "Aschenbrödel" zu sein? Warum genau musste Andrea sterben? Warum wurde sie überhaupt eingeführt? Ihre Beerdigung wird auch nur mit einem Nebensatz erwähnt. Was soll das alles? Welche Moral will mir das Buch mitteilen? "Wenn du mit einem Schuft in den Schwarzwald fährst, fahre danach zum christlichen Ausgleich nach Oberammergau"? Warum heißt das Buch überhaupt "Cornelia erlebt Oberammergau"? Weil sie dort freudig ihr Schicksal annimmt? Das ist alles so furchtbar und so verwirrend und so gar nicht gut. Also, nicht, dass ich erwartet hätte, dass dieses Buch gut ist. Aber ich dachte, auch ein christliches Jugendbuch muss eine halbwegs interessante und glaubwürdige Geschichte haben. Ist aber anscheinend nicht so.

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