Montag, 28. Dezember 2015

Eigentlich müssten wir tanzen in Winters Garten - Eine Zusammenfassung


Winters Garten und Eigentlich müssten wir tanzen - Originalausgaben - Erschienen im Suhrkamp Verlag -  2015

Eine Gartenkolonie weit jenseits der Stadt. Eine Welt, die aus den Fügen gerät. Und zwei Menschen, die sich unsterblich ineinander verlieben, als die Gegenwart nichts mehr verspricht und die Zukunft womöglich ein Traum bleiben muss. - Winters Garten von Valerie Fritsch

Fünf junge Männer verbringen ein Wochenende auf einer Berghütte. Als sie ins Tal zurückkehren, ist die Welt eine andere. Sie sind allein. Sie sind hungrig. Wie lange werden sie Freunde bleiben? - Eigentlich müssten wir tanzen von Heinz Helle

Nein, es hat keine zeitlichen Gründe, dass ich diese beiden Bücher in einem Blogeintrag zusammen vorstellen. Die Gründe liegen auf der Hand und es sind so viele. Ja, die Bücher sind im gleichen Verlag erschienen (im selben? Ich kann mir das nie - nie - merken). Ja, die Bücher sind beide 2015 erschienen, das eine im Frühjahrsprogramm (Winters Garten), das andere im Herbstprogramm (Eigentlich müssten wir tanzen). Beide Bücher standen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Beide Bücher habe ich nach der Lektüre der Leseprobe als interessant genug eingestuft, um sie demnächst vollständig zu lesen. Beide Bücher habe ich bei Buch & Töne gekauft. Beide Bücher habe ich gelesen (ach?). Beide Bücher behandeln das selbe (das gleiche?) Thema - Weltuntergang. Endzeit. Wie auch immer. Beide Bücher sind gut. Beide Bücher sorgten dafür, dass ich ständig Sätze unterstreichen musste. Und trotz all dieser Gemeinsamkeiten würde ich niemals sagen, dass es reicht, eines der beiden Bücher zu lesen. In meinem Kopf gehören die jetzt zusammen.


Wenden wir uns erst "Eigentlich müssten wir tanzen" von Heinz Helle zu. Schon mit den Eingangszitaten haut Heinz Helle einen (mich) um:

Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung blabla im Rücken die Ruinen von Europa. - Heiner Müller

Ich mach das alles nur, weil ich in den Himmel will. - Sido

Zweimal umblättern und schon kommt der nächste Schlag in Form einer vollkommen nüchtern beschriebenen Gruppenvergewaltigung. Wer jetzt das Buch kopfschüttelnd weglegt, verpasst ein Weltuntergangsszenario, welches ohne viele Worte, ohne viel Schrecken, aber dafür mit viel Beklemmung auskommt.

Später dann Feuer. Es muss Feuer sein, immer muss es Feuer sein, wenn man nichts zu tun hat, außer ganz genauso weiterzumachen wie bisher, das Licht, in dem Zivilisationen errichtet werden und eingerissen, eigentlich müssten wir tanzen, aber die Euphorie ist wie so oft nur im Kopf, nur ein Wort. 

Fünf Freunde (und kein Hund dabei) durchwandern also die Bergwelt, die Freundschaft wird auf die Probe gestellt und nicht jeder überlebt den Weltuntergang. Man muss sich Zeit nehmen, man muss sich einlassen auf Heinz Helle, sonst überlebt man das Tanzen nicht und das wäre schade.

Und während wir in den Bergen unser Glück suchen, steht der Winter am Meer und blickt in eine ungewisse Zukunft.

Denn am Meer spielt Valerie Fritsch' "Winters Garten". Und im Garten. Offensichtlich. Anton Winter ist in einer Gartenkolonie aufgewachsen. Die perfekte Kindheit, das vollkommene Glück. Valerie Fritsch gelingt es, eben jenes Paradies allein durch Naturbeschreibungen aufzubauen, die Menschen sind austauschbar. Vielleicht findet sich hier auch die Wurzel meines Kritikpunktes, aber dazu gleich mehr. Das Glück hält naturgemäß nicht für immer, Anton Winter verlässt den Garten ...

Er wollte ans Meer. Wer traurig war, ging stets ans Meer.

Dort lebt er als Vogelzüchter in einem Penthouse, auf dem größten Hochhaus der Stadt und beobachtet von dort mit seinem Feldstecher den Untergang der Welt. Genauso wie bei "Eigentlich müssten wir tanzen" lässt man uns im Dunklen wieso, weshalb, warum die Welt denn nun untergeht. Das ist auch gar nicht wichtig.

Anton Winter lernt eine Frau kennen, die im Krankenhaus schwangeren Frauen bei der Geburt beisteht. In diesem Krankenhaus findet Anton auch seinen Bruder, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Jener Bruder hat gerade erst wieder seine hochschwangere Frau gefunden und schon bald ziehen die fünf Freunde Personen zurück in den Garten. Zurück ins Paradies. Wo kann man besser auf den Weltuntergang warten? Und so sehr ich Valerie Fritsch für ihre Sprache liebe, die Geschichte von "Winters Garten" lässt genau an dem Punkt nach, an dem Winter in den Garten zurückkehrt. So manches Kindheitsparadies kann nicht mehr zurückgebracht, kann nicht mehr mit Leben gefüllt werden.

Aber die Herzschläge schienen ihr nachts wie Fehlschläge.

Trotzdem halte ich "Winters Garten" für ein gutes Buch, ich denke, Valerie Fritsch bräuchte nur ein bisschen mehr Raum, um die Personen besser auszugestalten. Obwohl - Heinz Helle gelingt dies auf ebenso wenigen Seiten.

Es scheint mir, als wäre der Weltuntergang gerade ein beliebtes Thema für Bücher (siehe "Das Licht der letzten Tage"). "Winters Garten" und "Eigentlich müssten wir tanzen" beweisen, dass das Ende der Welt keine Feuerstürme, keine durch die Erderwärmung ausgelöste Flut, keine Grippeviren oder sonstige Katastrophen braucht. Die Katastrophe, das Ende steckt in uns allen. 

Kommentare:

lesenslust hat gesagt…

Es scheint mir ganz so, als müsste ich meinen bisherigen Blick auf Geschichten mit Weltuntergangsszenario überdenken. Der hat mich nämlich bisher davon abgehalten, sie zu lesen. Wie ich sehe, scheinen diese Bücher durchaus lesenswert zu sein, gerade in Kombination.

Liebe Grüße, Steffi

Marina hat gesagt…

Ich hatte bei "Winters Garten" auch erst gar nicht gewusst, dass der Weltuntergang thematisiert wird. Und für Krach-Bumm-Peng-Weltuntergangsbücher wäre ich auch nicht zu haben.

frlfrohsinn hat gesagt…

Genau diese beiden Bücher in Kombination haben meine Eltern mir dieses Jahr unter den Christbaum gelegt! Bin schon gespannt und freue mich über Deine Blog-Entdeckung...noch eine zuzogene Münchnerin aus der Augsburger Ecke ;-). Liebe Grüße und happy 2016!

Marina hat gesagt…

Das sind sehr gute Eltern, die gleich Kombi-Bücher verschenken! Gut erzogen ;)
Und vielen lieben Dank für das Kompliment.